Gold: 2.181,03 € 0,00 %
Silber: 27,63 € 0,00 %
Stand: 21.09.2023 von Hannes Zipfel
Sowohl die Wortwahl als auch die Prognosen der US-Notenbanker verunsichern die Anleger in hohem Maße. Neben einer weiteren Zinsanhebung noch in diesem Jahr spricht ihr Chef, Jerome Powell, von einer nach wie vor „robusten Wirtschaft“ und einer „hartnäckigen Inflation“. In der ökonomischen Realität trifft aktuell nur Letzteres zu. Eine Rezession, wie hierzulande, wird auch für die USA immer wahrscheinlicher.
Riskante Rhetorik der Fed und die Folgen

Wichtige Aussagen widersprechen den Markterwartungen

  1. Leitzinsen bleiben zunächst unverändert bei 5,25 % bis 5,50 % p. a. (Target Range; keine Überraschung)
  2. US-Fed deutet eine weitere Zinsanhebung noch in diesem Jahr an (wahrscheinlich am 13. Dezember) auf dann 5,6 % (Median; negative Überraschung)
  3. Fed erhöht Zinsprognose zum Jahresultimo 2024 um 0,5 Prozentpunkte auf 5,6 % (zuvor 4,6 %, Anleger rechneten bereits ab 2024 mit Zinssenkungen)
  4. Verdopplung der Wachstumsprognose für das Q4’23 von 1,0 % auf 2,1 % (negative Überraschung)
  5. Senkung der erwarteten Arbeitslosenquote für Q4’23 von 4,1 % auf 3,8 % (war zuletzt deutlich angestiegen)
  6. Senkung der Kerninflationsrate (ohne Energie- u. Nahrungsmittelpreise) für das Q4’23 von 3,9 % auf 3,7 % (wie erwartet)
  7. Jerome Powell widerspricht den eigenen Prognosen und zeigt sich unsicher, ob ein "Soft-Landing" gelingt und will „datenabhängig agieren“ (Klartext: Fed-Prognosen sind unfundiert)

Kapitalmarktzinsen und US-Dollar steigen – Aktienmärkte, Gold und Silber geben nach

Obwohl der Chef der US-Notenbank, Jerome Powell, in seiner Pressekonferenz im Anschluss an die Zinssitzung klarstellte, dass er sich bezüglich der Vermeidung einer Konjunkturabschwächung unsicher sei und auf die neu hereinkommenden Daten reagieren wird, will die Fed die Zinszügel weiter anziehen und lange straff halten und malt das Bild einer florierenden US-Wirtschaft.

Die Aktienmärkte weltweit reagierten negativ und setzen ihre Talfahrt am Freitag fort.

Der "heimliche" Weltleitindex S&P 500 verlor von Donnerstag bis heute 13:30 Uhr MESZ in der Spitze fast 100 Punkte bzw. 2,1 Prozent.

US-Aktienindex S&P 500 in Punkten

Der Goldpreis stieg, wie der Silberpreis am Spot-Markt kurz nach Bekanntgabe der Fed-Entscheidung kurz an, bevor die kompletten Gewinne wieder abgegeben wurden. Das gelbe Edelmetall notiert aktuell mit 1.921 US-Dollar sogar unter dem Niveau kurz vor der Pressemitteilung durch die US-Notenbank.

Der gestiegene US-Dollar wird seinen Zinsabstand zum unverzinsten Gold nun noch weiter ausbauen, auch weil die Renditen am Kapitalmarkt in Folge der überraschenden Aussagen von Jerome Powell weiter ansteigen.

Aktuell werfen zehnjährige US-Staatsanleihen 4,48 % p. a. an Zinsen ab – so viel wie seit Oktober 2007 nicht mehr und ein Vielfaches dessen, was US-Aktien an jährlichen Dividendenzahlungen zu bieten haben.

Gold- und Silber reise in US-Dollar ro Feinunze

Der Silberpreis kann sich hingegen relativ gut halten und sieht auch charttechnisch interessanter aus:

Silberpreis in US-Dollar auf Tagesbasis

Vier Faktoren sprechen für eine Fortsetzung des Silberpreises in den kommenden Wochen, trotz der von der Fed momentan verbreiteten Unsicherheit:

  • ✅ Saisonalität vom 30. Sept. bis 30 Jan. positiv (5-Jahres-Ø)
  • ✅ US-Terminmarktstruktur positiv (COT-Index: 70)
  • ✅ Sentiment "schlecht" (Optix Silver, Kontraindikator)
  • ✅ Relative Stärke (RSI) zieht über 40 an.
Ein Risiko bleibt allerdings eine Rezession in den USA, einhergehend mit einem heftigen Stimmungsumschwung an den Aktienmärkten (die Anleihemärkte sind bereits im Crash).

Das könnte liquiditätsbedingt, wie im März 2020, auch die Silber- und Goldpreise kurzfristig signifikant unter Druck bringen, bevor die Fed zwangsweise eine geldpolitische 180-Grad-Wende vollzieht.

"Hard-Landing" statt Soft-Landing"

Die deutlich ansteigenden Kapitalmarktzinsen in den USA machen Kredite für Verbraucher, Unternehmen und den Staat teurer, wohingegen Sparkonten nur mit starker Zeitverzögerung in den Genuss höherer Verzinsungen kommen.

Für die USA wird das nun zum ernsthaften Problem, da die Verschuldung explodiert und innerhalb kürzester Zeit die Marke von 33 Billionen US-Dollar allein auf Staatsebene überschritten hat:

USA: Staatsverschuldung

Die Gesamtverschuldung (private und öffentliche Haushalte, Banken und Unternehmen) ist bereits über die 100-Billionen-US-Dollar-Marke auf aktuell 102,8 Bio. US$ vorgedrungen und verursacht jetztb schon eine Zinsbelastung in Höhe von 3,8 Billionen US-Dollar pro Jahr bzw. 15 Prozent des für 2023 prognostizierten Bruttoinlandsprodukts (BIP) der USA (Quelle: Federal Reserve of New York).

Renditen 10-jähriger US-Staatsanleihen in Prozent p. a.

Die Schulden werden damit zum Konsum- und Investitionshemmnis und führen direkt ab 1. Oktober zum Government Shutdown, warnt die US-Finanzministerin und ehemalige Fed-Chefin Janet Yellen.

Dann endet die Frist, die nach dem Erreichen der Schuldenobergrenze im Sommer im US-Kongress ausgehandelt wurde. Nun aber steht Amerika bereits voll im Präsidentschaftswahlkampf und die Demokraten besitzen im Abgeordnetenhaus (Haushaltshoheit) über keine Mehrheit.

Infobox „Government Shutdown“

Während eines sogenannten „Government Shutdown“ als Folge der technischen Zahlungsunfähigkeit der US-Regierung (darf keine neuen Schulden mehr aufnehmen) werden bis auf systemrelevante Bereiche alle Behörden geschlossen und deren Mitarbeiter in unbezahlten Zwangsurlaub geschickt.

Sicherheitsrelevante staatliche Aktivitäten, wie Flugsicherung und Strafverfolgung, arbeiten weiter, werden aber erst bezahlt, wenn der Kongress Maßnahmen zur Beendigung des Shutdowns beschlossen hat.

Leistungen wie Sozialversicherung und Medicare werden weiterhin gewährt, da sie vom Kongress in Gesetzen beschlossen wurden, die keiner jährlichen Genehmigung bedürfen. Darüber hinaus kann das Finanzministerium weiterhin pünktlich Zinsen für US-Staatsanleihen zahlen, darf aber keine neuen Papiere ausgeben.

Vor allem durch die Verzögerung bei der Bearbeitung von Anträgen z. B. für Subventionen, Reisepässe, Kredite für kleine Unternehmen oder staatliche Leistungen, kommt es schnell zu wirtschaftlichen Schäden.

Auch geschlossene Besucherzentren und Toiletten in Nationalparks, weniger Lebensmittelsicherheitskontrollen und weitere verschiedene Unannehmlichkeiten sind die Folge eines Regierungsstillstands.

Sargnagel Studentendarlehen

Zudem müssen ab 1. Oktober effektiv 44 Millionen Amerikaner ihre Studentendarlehen in Höhe von 1,8 Billionen US-Dollar wieder bedienen (Auslaufen des Pandemie-Moratoriums).

In einer Umfrage aus dem September 2023 der National Bankers Association gaben 45 Prozent der Betroffenen an, dann Privatinsolvenz anmelden zu müssen.

Die Gemengelage aus wieder spürbar steigenden Energiepreisen, aufgebrauchten Stimuli-Schecks aus der Pandemie-Zeit, Rekordverschuldung, ein möglicher Government Shutdown, weiter steigende Kreditkosten und straffere Kreditvergaberichtlinien bringen die US-Wirtschaft und damit auch die Welthandels- und Weltleitwährung US-Dollar an den Rand eines Kollapses.

Finanzministerin Yellen warnte bereits in einem Interview gegenüber CNBC:

„Wir können uns bei diesem Tempo des Schuldenaufbaus nicht darauf verlassen, dass uns die Welt unsere Schulden im gewohnten Ausmaß abkauft“.

Das bedeutet im Gegenzug, dass sich die Geldpolitik in den USA mit steigender Verschuldung wohl der in Japan annähert, wo nach wie vor der Leitzins mit -0,1 Prozent negativ ist und die Bank of Japan das komplette Staatsdefizit aus der Notenpresse finanziert.

Geschieht dies auch in den USA, dann gibt es keinen Grund mehr, den US-Dollar Gold als Reservewährung vorzuziehen.

Autor: Hannes Zipfel
Ökonom
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von Peter K. | 22.09.2023, 11:39 Uhr Antworten

Immer spannend erklärt und am aktuellen Puls der Zeit. Danke Herr Zipfel !!

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