Stand: 21.11.2019 von Hannes Zipfel 5 Kommentare

Die Meinungen darüber, wie viel Handlungsspielraum die Notenbanken zur Stützung der Wirtschaft im Falle einer erneuten Rezession noch haben, gehen weit auseinander. Ein Blick in den Instrumentenkasten der Zentralbanker gibt jedoch eine eindeutige Antwort.

Die enorme Bedeutung der Notenbanken

Mittlerweile hängt das Wohl und Wehe der gesamten Weltwirtschaft von den Entscheidungen der Geldpolitiker ab. Die bedeutendsten Notenbanken der Welt sind

  • das amerikanische Federal Reserve System (Fed: bestehend aus zwölf regionalen Bundesreservebanken)

  • die Europäische Zentralbank (EZB)

  • die Peoples Bank of China (PBoC)

  • die Bank of Japan (BoJ)

  • die Bank of England (BoE)

  • sowie die Schweizerische Nationalbank (SNB). 

Der Handlungsspielraum dieser „Big Six“ scheint sich nach 38 Jahren tendenziell sinkender Zinsen Richtung null und darunter erschöpft zu haben. Dabei war die Abhängigkeit des Wirtschaftswachstums seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch nie so stark an die Politik der Notenbanken gekoppelt wie jetzt. Das Überleben des Kapitalismus heutiger Prägung hängt von ihnen ab.

Der Grund dafür liegt in den historisch hohen Verschuldungsquoten der bedeutendsten Volkswirtschaften der Welt. Das Verhältnis von Schuldenaufnahme zu Wachstum hat sich z. B. in der größten Volkswirtschaft der Welt, den Vereinigten Staaten von Amerika, seit den Siebzigerjahren extrem verschlechtert: 

von 0,5 US-Dollar gesamtwirtschaftlicher Neuverschuldung für 1 US-Dollar Wachstum im Jahr 1970 auf 6,58 US-Dollar Neuverschuldung für 1 US-Dollar Wachstum im dritten Quartal 2019.

Die Vermögensmärkte, von Immobilien, über Anleihen, bis hin zu Aktien, würden im Falle steigender Zinsen und sich verringernder Notenbank-Liquidität kollabieren, wie der diesbezügliche Versuch der US-Notenbank Fed im Herbst letzten Jahres erneut gezeigt hat.

Nur die Zentral- und Notenbanken können noch mittels ihrer Geldpolitik die Schuldentragfähigkeit von Staaten, Banken, Finanzdienstleistern, nichtfinanziellen Unternehmen und Konsumenten aufrechterhalten. Versuche, die Zinsen wieder zu „normalisieren“ und die durch Wertpapierkäufe aufgeblähten Notenbankbilanzen wieder abzubauen, sind unmöglich geworden.

Die in Europa, den USA, Japan und anderen Teilen der Welt implementierte akkommodierende Geldpolitik ist damit irreversibel. 

Aggressive Geldpolitik wieder auf dem Vormarsch

In diesem Jahr haben die Notenbanken weltweit ihre Zinsen bereits 109 Mal gesenkt - zuletzt am Montag dieser Woche die Peoples Bank of China zur Stabilisierung der unter den Strafzöllen der USA leidenden Exportwirtschaft. 

Die Europäische Zentralbank und die amerikanische Notenbank Fed lassen ihre digitalen Notenpressen nach kurzer Pause seit November wieder rotieren. Andere Zentralbanken, wie die Großbritanniens, Japans und der Schweiz, setzen ihre Wertpapierankaufprogramme gezwungenermaßen unvermindert fort.

Würden die Notenbanken nicht so handeln, wäre die Eurozone bereits zerfallen, der japanische Staat bereits bankrott, da die Bank of Japan das komplette Haushaltsdefizit Nippons finanziert und der US-Geldmarkt wäre bereits im September dieses Jahres kollabiert. Die Folgen für das globale Finanzsystem und die übrige Wirtschaft wären desaströs.

Daher ist die Bedeutung der Frage, ob und wie viel Handlungsspielraum die Notenbanken zur Aufrechterhaltung unseres heutigen Wirtschaftssystems noch haben, von zentraler Bedeutung.

Der Instrumentenkasten der Notenbanken

Die steigende Relevanz der Notenbanken resultiert erstens aus der oben beschriebenen Gemengelage, zum Zweiten aus ihren politischen Mandaten und zum Dritten aus ihren besonderen Privilegien. 

Die Hauptaufgabe der Notenbanken besteht im Wesentlichen in der Wahrung der Preisstabilität, deren Definition einen eigenen Artikel wert ist. Zum anderen ist es die Aufgabe des überwiegenden Teils der Notenbanken, die wirtschaftliche Prosperität ihres Hoheitsgebietes sicherzustellen, wobei verschiedene Parameter, wie z. B. Vollbeschäftigung, angestrebt werden.

Die Notenbank-Rhetorik

Aus dem oben beschriebenen Zwang zur Vermeidung eines sofortigen Kollapses der Weltwirtschaft durch aggressive Maßnahmen auf der einen Seite und den offiziellen politischen Mandaten ergibt sich für die Notenbanken ein Dilemma, allerdings nur in Bezug auf ihre öffentliche Kommunikation, die nur ein Instrument der Geldpolitik darstellt

Man stelle sich einmal vor, die Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, würde in einer Pressekonferenz die realen Sachzwänge ihres Handelns zur Abwendung eines Wirtschaftskollapses offenbaren - der massenpsychologische Effekt wäre verheerend und die daraus resultierende Dynamik unkalkulierbar. 

Wie aber soll man extreme geldpolitische Handlungen erklären, wenn aktuell keine Rezession herrscht, es offiziell keine Bankenkrise gibt und die Aktienmärkte nahe Allzeithöchstständen notieren?

Es wird immer schwieriger für die Geldpolitiker, die eigene Glaubwürdigkeit aufrecht zu erhalten. Das Instrument der geldpolitischen Rhetorik hat sich damit ebenfalls bereits stark abgenutzt. Dies wird u. a. deutlich an dem Vertrauen der Bürger und Unternehmen z. B. in die EZB, das noch nie seit ihrem einundzwanzigjährigen Bestehen so gering war wie aktuell.

Die Zinspolitik

Das zweitwichtigste Steuerungsinstrument der Notenbanker ist die sogenannte qualitative Geldpolitik – sprich die Zinspolitik. Die Notenbanken haben das Privileg, unabhängig von einem sich am Markt frei bildenden Gleichgewichtszins, der aus Angebot und Nachfrage resultiert, einen per Zwang verordneten Kreditzins (Leitzins) festzulegen.

Der Zwang ist dabei systemisch bedingt, da sich die Geschäftsbanken für ihr Kreditgeschäft auch Geld bei den Notenbanken leihen, um es anschließend an ihre Kunden weiter zu verleihen. 

Normalerweise senken Notenbanken die Zinsen, um die Kreditaufnahme attraktiver zu machen, die Sparquote zu senken und die Zinsbelastungen für Schuldner zu reduzieren, um einer in die Rezession abgerutschten Volkswirtschaft wieder in den Wachstumsmodus zurück zu helfen.

Da die Zinsen bereits weltweit bis auf wenige Ausnahmen bei null oder sogar darunter liegen, was enorme Nebenwirkungen zur Folge hat (Kosten für den Bankensektor und die Einleger), ist auch dieses Instrument fast wirkungslos geworden.

Das Pulver der Zentralbanken ist theoretisch unerschöpflich

Doch damit ist das Instrumentarium noch lange nicht erschöpft. Im Bereich der quantitativen Geldpolitik, also der Geldmengensteuerung, gibt es noch jede Menge hocheffektiver Instrumente. 

Ein Blick nach Japan und die Schweiz, zeigt, was möglich ist: Mit einem Leitzinsniveau von -0,75 Prozent ist die Schweiz Weltmeister bei den Negativzinsen. Vor allem aber bei der Aufblähung der Bilanzsumme ist die Schweizerische Nationalbank (SNB) mittlerweile Weltmarktführer: Satte 125 Prozent misst das Verhältnis ihrer Notenbankbilanz in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Schweiz.

In Zahlen ausgedrückt erreichte die Bilanzsumme der SNB zum Ende des dritten Quartals 2019 ein Volumen von 858,89 Mrd. Franken. Der zweite Platz geht mit 100 Prozent Bilanzsumme in Relation zum BIP an die Bank of Japan.

Beide Zentralbanken kaufen mit aus dünner Luft erzeugtem Geld Staatsanleihen, Unternehmensanleihen, Aktien (direkt oder via ETF), Fremdwährungen und Gold und nehmen diese auf die Aktivseiten ihrer Bilanzen. Auf der Passivseite stehen entsprechende Forderungen gegen sich selbst (Verbindlichkeiten gegen die digitale Notenpresse).

Zum einen wird im Falle Japans so das Defizit des Staatshaushaltes über die Notenpresse finanziert und zum anderen verwässert die SNB absichtlich den Wert des Schweizer Franken, um die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Exportwirtschaft zu schützen.

Seit Mitte Oktober druckt auch die US Notenbank Fed Milliarden US-Dollar (60 Mrd. pro Monat) und kauft damit kurzlaufende US-Staatsanleihen.

Die EZB kauft ebenfalls Staatsanleihen der 19 Eurozonen-Staaten nach einen politisch vorbestimmten Verteilschlüssel in einem Volumen von 20 Mrd. Euro pro Monat. Auch in Europa wären Staaten wie Italien, Griechenland, Portugal und Spanien ohne diese Maßnahmen bereits seit Jahren bankrott.

Da die Notenbanken in unsrem ungedeckten Geldsystem über ein Geldschöpfungsmonopol verfügen, sind ihre Möglichkeiten der Alimentierung von Staaten, Banken, Unternehmen und Konsumenten theoretisch unlimitiert. Zwar gibt es, wie in der Eurozone, gesetzliche Limite für den Ankauf von Wertpapieren, die aber nicht in Stein gemeißelt sind, wie die Vergangenheit bereits gezeigt hat.

Das Helikoptergeld

Mit dem Instrument der quantitativen Geldpolitik lassen sich noch ganz andere Maßnahmen umsetzen. Ein der effektivsten ist das sogenannte Helikoptergeld, bei dem die Notenbank Geld quasi an alle Wirtschaftssubjekte verschenkt.

Offiziell wurde dies bereits während der Hochphase der Finanzkrise praktiziert, als die US-Regierung im Fiskaljahr 2009/2010 ihren Bürgern außerordentliche Steuerrückzahlungen gewährte. Diese wurden indirekt durch den Ankauf von US-Staatsanleihen vom US-Finanzministerium durch die US-Notenbank Fed finanziert.

Das Schwundgeld

Noch wirkungsvoller ist Helikoptergeld in Form von Schwundgeld. Dabei wird Geld in Form von laufzeitlosen Nullzinskrediten (also quasi Eigenkapital) oder staatliche Steuerrückzahlungen verteilt. Der Wert dieses Geldes verringert sich rasch in vordefinierten Zeitintervallen. So soll die Geldumlaufgeschwindigkeit stark erhöht werden. Die Kombination aus Gelddrucken und Schwundgeld ist die effektivste Waffe gegen wirtschaftlichen Stillstand, da sie die Empfänger der Gratisliquidität vom Sparen abhält und quasi zum Ausgeben des Geldes in der Wirtschaft zwingt.

Mit derart unkonventionellen Maßnahmen kann die Schuldenproblematik weiter gehandhabt werden und eine offizielle Rezession auch weiterhin vermieden werden. 

Nebenwirkungen

Die unerwünschten Nebenwirkungen dieser extremen Geldpolitik sind aus der Vergangenheit jedoch bereits bekannt: Am Ende derartiger Experimente wird die Kaufkraft der mengenmäßig stark verwässerten Währungen zerrüttete, da die Anbieter ihre Preise permanent und irgendwann sogar antizipatorisch an die Geldmengensteuerung nach oben anpassen und so ständig ein Wettlauf zwischen Preisen und Geldmenge stattfindet.

Dies setzt auf Dauer die Kaufkraft jeder ungedeckten und durch die Zentralbanken beliebig vermehrbaren Währung auf null herab. 

Fazit

Letztendlich ist der Handlungsspielraum der Notenbanken nur durch das Maß der Zerrüttung der ihnen anvertrauten Währungen limitiert. Ab einem bestimmten Zeitpunkt setzt ein dynamisch progressiver Prozess der Währungsentwertung ein. 

Wann dieser kritische Zeitpunkt erreicht wird, kann man seriös nicht prognostizieren. Was man aber sagen kann, ist, dass Edelmetalle als knappes Warengeld ohne Negativverzinsung in einer Zeit der desperaten Geldpolitik einen wichtigen monetären Gegenpol zu den gesetzlichen Zahlungsmitteln darstellen, wie die Wertentwicklung der letzten beiden Jahrzehnte bereits bewiesen hat, wenn man beispielsweise den Goldpreis in Euro betrachtet.

Hannes Zipfel
Wirtschaftsjournalist

Haben die Notenbanken ihr Pulver verschossen?
Hannes Zipfel - Seit über 20 Jahren ist Hannes Zipfel an den Finanzmärkten in unterschiedlicher Funktion aktiv. Nach dem Studium der Volks­wirtschafts­lehre arbeitete er als Aktien­analyst, Anlage­stratege, Portfolio­manager, Chef­ökonom und Vorstands­mitglied eines Finanz­­dienst­leisters, zu dem auch ein führender deutscher Edel­metall­­händler gehört. Sein Spezial­­gebiet ist die Geld­­­politik sowie die Analyse der monetären Edel­­metalle Gold und Silber.
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von mercator auri | 24.11.2019, 04:26 Antworten

Eine gute Zusammenfassung der globalen Lage bei den wichtigsten Notenbanken des Globus. Ich zumindest werde an meinen Goldbeständen daher weiterhin festhalten, um mich gegen Unsicherheiten dieser Art abzusichern, die der Artikel sehr vortrefflich aufzeigt. Der Goldpreis hat diese Unsicherheiten ja bereits deutlich wiedergespiegelt :), und ich erwarte auch in den nächsten fünf Jahren eher steigende als fallende Goldpreisnotierungen....Schaun mal ma sagt bekanntlich der Kaiser!

von Goldhamster | 22.11.2019, 18:41 Antworten

Pulver verschossen? Solange die Leute noch Restvertrauen in das Schuldensystem und - geld haben, spielt die Kapelle auf der Titanic weiter.

2 Antworten an Goldhamster anzeigen
von Commander Crash | 21.11.2019, 21:30 Antworten

Man kann die Billig - Kredit - Häuslebauer dann noch zu einer dicken Styropor - Verpackung verdonnern. Die kostet viel und brennt gut. Der Rest ist rein akademisch (-e Versicherungsmathematik).

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Handarbeit aus "Schwäbisch Sibirien"