Stand: 27.11.2019 von Hannes Zipfel 3 Kommentare

Prognosen über eine kommende ökonomische Krise inklusive Staatsbankrotte, Inflation, Wohlstandsvernichtung, Enteignung und gesellschaftlicher Verwerfungen gibt es zur Genüge. Doch wie konnte es soweit kommen und gibt es ein Entkommen aus der Schuldenfalle? 

Die Anamnese

Wenn ein Patient einen Arzt aufsucht, beschreibt er zunächst seine Beschwerden. Der Mediziner versucht anschließend, die Ursache für das Leiden des Patienten zu finden und verordnet dann eine Therapie.

Die Bandbreite möglicher Therapien ist weit gefächert und reicht von einer gesünderen Lebensführung, über medikamentöse oder radiologische Behandlungen bis hin zur Psychotherapie oder sogar operativen Eingriffen. Oft ist es auch eine Kombination aus mehreren dieser Methoden. 

Die Analogie zwischen einem kranken Patienten und dem Zustand unserer Weltwirtschaft ist der Faktor Mensch.

Das Leiden der Ökonomie liegt in der Überschuldung von Staaten, Banken, nichtfinanziellen Unternehmen und Privathaushalten. Die globale Überschuldung ist das Ergebnis menschlicher Entscheidungen auf der Grundlage menschlicher Bedürfnisse. 

Entsprechend der Zeitpräferenz möchte der Mensch wegen seiner limitierten Lebenszeit verständlicherweise alles jetzt und sofort, was z. B. das Vorziehen von Konsum auf Kredit begünstigt. 

Grundsätzlich gehört die Vorfinanzierung von Investitionen und Konsum auf Kredit zum Kapitalismus dazu und fördert dessen Wachstum. Ohne Vorfinanzierung durch staatliche Kredite wäre z. B. ein Entkommen aus der Großen Depression der Zwanzigerjahre noch langwieriger gewesen. 

Damals wurden im Zuge staatlicher Investitionsprogramme und massiver Rüstungsausgaben ähnlich hohe öffentliche Schuldenquoten erreicht wie heute. Die USA haben es finanziell überlebt und ihre Schulden dank des Nachkriegsbooms zunächst abgebaut. Deutschland als Verlierer des Zweiten Weltkriegs ging hingegen bankrott, mit verheerenden Auswirkungen auf die Lebensqualität der überlebenden Deutschen. 

Wichtig im Zusammenhang mit der Überschuldung ist die Tatsache, dass jeder Schuld auch immer eine Forderung, also Vermögen gegenübersteht. Die USA waren damals der größte Gläubiger der Welt, Deutschland hatte sowohl im In- als auch im Ausland nur Schulden.

Zwei Entwicklungen haben den Kapitalismus 75 Jahre und viele Konjunkturzyklen später erneut in eine systembedrohende Überschuldung geführt, allerdings nun in Friedenszeiten.

Diese beiden Entwicklungen sind der bis heute in Teilen praktizierte Keynesianismus sowie zum anderen die zunehmende Vermögensungleichheit.

Der Keynesianismus 

Unter dem Eindruck des Schreckens der großen Depression von 1929 bis 1941 entwickelte der britische Ökonom, Politiker und Mathematiker John Maynard Keynes 1936 seine 

Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“  - auch bekannt als Keynesianismus. 

Ziel seiner Überlegungen war es, die menschliche Natur zu überlisten. In der Krise neigen die Privathaushalte zum Sparen, ebenso wie die Unternehmen. Banken halten sich mit der Kreditvergabe zurück und der Staat generiert weniger Einnahmen aus Steuern und Gebühren, was wiederum die öffentlichen Budgets schmälert. Verlust- und Zukunftsängste lähmen die gesamte Wirtschaft.

Nachfrage Idee war, die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen technokratisch zu steuern. Im Falle einer Rezession soll der Staat als Nachfrager auftreten und die Wirtschaft vor einem ökonomischen Kollaps bewahren und die Not der Bevölkerung lindern.

Gleichzeitig soll die Wirtschaft wieder auf einen sich selbst tragenden Wachstumspfad zurückgeführt werden. Dazu sollen finanzielle Ressourcen des Staates antizyklisch in die Privatwirtschaft und das Bankensystem gepumpt werden.

Innovationen und Zukunftstechnologien sollen gefördert und die Produktivität in allen Sektoren gesteigert werden. Sofern keine finanziellen Ressourcen beim Staat vorhanden sind, soll er sich verschulden, und diese Verbindlichkeiten in der folgenden Expansionsphase der Wirtschaft durch Einsparungen und die Erhöhung von Steuern und Abgaben wieder abbauen.

Der Denkfehler

Was Keynes Theorie nicht berücksichtigte, war die politische Ökonomie der demokratischen Legislaturperioden, also die Psychologie eines Politikers, der gewählt oder wiedergewählt werden möchte. 

Jede sich bei Wahlen bewerbende politische Kraft macht auch mit sozialen Wohltaten, Investitionen oder Erleichterungen bei Steuern und Abgaben Werbung für die eigene Partei oder politische Koalitionen. Kleinere Parteien, die sich als Koalitionäre anbieten, betreiben Klientelpolitik, die ebenfalls mit Kosten in Form von Subventionen oder Steuerausnahmen zu Buche schlagen. In den USA gibt es sogar den griffigen Slogan „Yor Wallet, Your Vote“. Der Faktor Mensch lässt sich eben nicht ausklammern und der Wille ist des Menschen Himmelreich.

Anstatt die Staatshaushalte in Wachstumsphasen zu sanieren, wurden diese in nur ganz wenigen Ausnahmefällen nach Phasen wirtschaftlicher Kontraktion auch wieder in Ordnung gebracht. In fast allen Staaten sind über die Konjunkturzyklen hinweg die Staatsschuldenstände nominal und real zur Wirtschaftskraft auf historische Höchststände angestiegen. 

Die Liste der Rezessionen seit den Sechzigerjahren ist sehr lang: Laut den Daten von HCBC und OECD gab es in Deutschland in dieser Zeitspanne elf Rezessionen, in den USA waren es sechs, in Großbritannien sieben, in Frankreich vier und in Griechenland 20. In den letzten 59 Jahren durchliefen 45 Staaten offiziell insgesamt 273 Phasen wirtschaftlicher Kontraktion.

Das Ergebnis

Im Ergebnis sind besonders in Ländern mit kurzen Legislaturperioden und häufigen Wahlen, wie z. B. in Italien, über die Regierungszyklen hinweg die Staatsschulden permanent angestiegen. Eine Konsolidierung der Staatsfinanzen fand über die elf italienischen Rezessionen hinweg seit 1960 nicht statt. 

Selbst Deutschland hat es in den letzten zehn Jahren Aufschwung nicht geschafft, seine Verbindlichkeiten trotz Negativzinsen nominal abzubauen. Das Beste, was die Fiskalpolitiker erreichten, war eine schwarze Null. In anderen Ländern hingegen explodierten die Schulden weiter. Eine politische Karriere hängt immer auch an den Wohltaten, die man dem Wähler anbieten kann. 

Die globale Gesamtverschuldung ist gemäß dem am 14. November veröffentlichten „Global Debt Minitor“ des Institute for Financial Finance (IIF) auf einen neuen Rekord von 250 Billionen US-Dollar oder 320 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts angestiegen. Für das erste Halbjahr bedeutet dies einen Schuldenanstieg in Höhe von 7,5 Billionen US-Dollar. Hauptverantwortliche für diese Entwicklung waren laut IIF die Volksrepublik China und die USA, die zusammen über 60 Prozent der Neuverschuldung verursachten.

Für das Gesamtjahr 2019 prognostiziert das IIF einen Anstieg der globalen Gesamtverschuldung um fünf Prozent. Gleichzeitig prognostiziert die OECD in ihrem Economic Outlook vom November ein Weltwirtschaftswachstum in diesem Jahr von 3,91 Prozent (dritte Abwärtsrevision). 

Dies bedeutet, dass global betrachtet für 1 US-Dollar Wachstum mittlerweile 1,28 US-Dollar Kredit aufgenommen werden müssen. In den USA lag das Verhältnis im abgelaufenen Fiskaljahr (bis Ultimo Sept. 2019) bei 6,58 US-Dollar Kreditaufnahme für 1 US-Dollar Wachstum. Für das folgende Wirtschaftsjahr 2020 wird eine leichte Erholung der Wachstumsdynamik bei gleichzeitig noch höherer Schuldendynamik erwartet.

Die Vermögensungleichheit

Nun kann man berechtigterweise darauf hinweisen, dass die Schulden des einen die Vermögen des anderen sind und es sich somit um ein Nullsummenspiel handelt. Doch gesamtwirtschaftlich bringt das keine Lösung - aus zwei Gründen:

  • erstens erhalten die Gläubiger immer weniger Einnahmen in Form von Zinsen für ihre Schuldpapiere wegen des rapide abnehmenden Zinsniveaus und

  •  zweitens ist das Vermögen extrem ungleich verteilt:

Gemäß der Daten von Statista zur „Verteilung des Reichtums auf der Welt im Jahr 2019“ verfügten 0,9 Prozent der Weltbevölkerung über 43,9 Prozent aller Vermögenswerte. Die obersten 10,7 Prozent besitzen 82,8 Prozent allen Vermögens. 56,6 Prozent der Weltbevölkerung besitzt hingegen nur ein sehr geringes Vermögen oder ausschließlich Schulden.

Das bedeutet gesamtwirtschaftlich, dass die breite Masse in Form von Zins- und Tilgungszahlungen unter den Schulden leidet, und der geringe Anteil der Menschen, die Forderungen ihr Eigen nennen, die erhaltenen Zinszahlungen größtenteils hortet, ohne sie auch nur ansatzweise in gleicher Höhe produktiv zu investieren oder zu verkonsumieren. 

Die Schuldenspirale

Auch wegen dieser zunehmenden Vermögensungleichheit ist die Gesamtverschuldung ein so großes volkswirtliches Problem. Die knapp 60 Prozent der „Habenichtse“ müssen sich permanent weiter verschulden, um ihre monatlichen Ausgaben stemmen zu können und die Zinsen für bestehende Verbindlichkeiten aufzubringen. 

Das gilt übrigens auch für Staaten, und zwar nicht nur für die üblichen Verdächtigen wie Italien, sondern auch für die größte Volkswirtschaft der Welt, die USA.

Laut Berechnungen des Congressional Budget Office (CBO) fallen im laufenden Fiskaljahr Zinsen in Höhe von über 600 Mrd. US-Dollar aus der gesamten Staatsverschuldung an, bei einer geplanten Neuverschuldung von 1,3 Billionen US-Dollar (nach 1 Billion US-Dollar im Fiskaljahr 2018/2019).

Fazit und eine mögliche Therapie

Nachdem nun sowohl die Genese als auch die Diagnose feststehen, fehlt noch die Therapie. Gibt es eine Möglichkeit, das Problem der globalen Überschuldung zu lösen? Ohne Staatsbankrotte, ohne die Verelendung großer Teile der Bevölkerung, ohne die Enteignung der Gläubiger und ohne das Weginflationieren der Schulden mit dem Ergebnis der Zerstörung der Kaufkraft unseres Geldes?

Diesen Fragen werde ich in meinem nächsten Beitrag auf Gold.de nachgehen.

Hannes Zipfel
Wirtschaftsjournalist

Schuldenfalle – wie konnte es soweit kommen?
Hannes Zipfel - Seit über 20 Jahren ist Hannes Zipfel an den Finanzmärkten in unterschiedlicher Funktion aktiv. Nach dem Studium der Volks­wirtschafts­lehre arbeitete er als Aktien­analyst, Anlage­stratege, Portfolio­manager, Chef­ökonom und Vorstands­mitglied eines Finanz­­dienst­leisters, zu dem auch ein führender deutscher Edel­metall­­händler gehört. Sein Spezial­­gebiet ist die Geld­­­politik sowie die Analyse der monetären Edel­­metalle Gold und Silber.
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Kommentare [3]
  • von LautNachgedacht | 28.11.2019, 23:40 Antworten

    Mit Ärtzten kenn ich mich aus....wenn man es denn schon damit vergleichen möchte.
    Überheblich und hören nicht zu,,,,,,,,bei mir hat man Bandscheibenvorfall, gerissene Achillessehne übersehen......und wobin ich gelandet? In der Psychiatrie.
    Fehldiagnose, alles nur psychosomatische Storungen.
    Kein Wunder das das ganze System krank ist.......
    Wer von den Superschlauen Kommas und sonstige Dinge vermisst, soll sie einfach richtig einfügen

  • von Commander Crash | 28.11.2019, 14:47 Antworten

    Es wurde noch etwas vergessen beim Arztbesuch:
    Die Ursache kann auch außerhalb des (Patienten-) Körpers liegen.
    Es wäre dann vermessen den Patienten in Therapie zu schicken.
    Ansonsten guter Artikel.
    Ich würde mir wünschen, dass die Politiker in solchen Zeiten keine Diäten-Erhöhungen beschließen und Manager ihre Gehälter und Boni deckeln. Dann kann sich auch keiner beschweren die Top"kräfte" würden auf Grund der Bezahlung statt der Ideologie den Job wählen.

  • von Aderlass | 27.11.2019, 20:00 Antworten

    Solange "Fiatmoney" aus dem Nichts geschaffen wird, muss es unters Volk um zu "arbeiten".
    Dazu kommt das die Umverteilung IMMER von unten nach oben erfolgt. D.h. die die am Hebel der Macht sitzen werden immer die Entscheidungsträger zu ihren Gunsten beeinflussen, was an der Situation nichts ändert. Außer es knallt mal wieder kräftig. Geht eine Währung und/oder ganze Systeme ist das nur die Korrektur nach unten um im Kleinen dann mit dem selben Spielchen von vorn zu beginnen. Teils geben wir dem Kind einen neuen Namen, aber im Inneren bleibt's beim gleichen Ablauf.

    Wird sich daran was ändern ich denke kaum!

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