Stand: 16.02.2018 0 Kommentare

Die Inflation in Deutschland ist niedrig, sagen die offiziellen Statistiken. Zugleich haben viele Bürger den Eindruck, Jahr für Jahr spürbar mehr Geld auszugeben, ohne mehr zu konsumieren. Wer hat Recht: die Bürger oder die Statistiker? Und wie wird die Inflation in Deutschland überhaupt ermittelt?

Das Wichtigste in Kürze

  • Inflation beruht auf repräsentativem Warenkorb
  • Inflationsrate in Deutschland bisher relativ stabil
  • “Hedonische Anpassungen” können verfälschen
  • Individuelle Inflation berechnen

Messung der Inflation in Deutschland

Mit dem Wort "Inflation" ist meist die allgemeine Erhöhung der Güterpreise innerhalb eines Landes oder Währungsraums gemeint. 

Die Inflationsrate, also die Veränderung des Preisniveaus, wird auf monatlicher Basis anhand eines Verbraucherpreisindexes berechnet und bezieht sich auf denselben Monat des Vorjahres. Anhand der monatlichen Daten lässt sich der Jahresdurchschnitt der Inflation bestimmen.

Verbraucherpreisindex und Warenkorb für Deutschland

Der Verbraucherpreisindex für Deutschland beruht auf einem Warenkorb, der 300.000 Einzelpreise enthält. Diese Einzelpreise sind in 600 Güterarten und diese wiederum in zwölf sogenannte Abteilungen wie Nahrungsmittel, Freizeit und Wohnungskosten gegliedert. Der Warenkorb bildet einen repräsentativen Querschnitt aller Waren und Dienstleistungen, die von Privathaushalten tatsächlich konsumiert werden. So lautet zumindest der Anspruch des Statistischen Bundesamtes.

Die Gewichtung der zwölf Abteilungen ändert sich relativ selten.

 Sie beruht auf einer alle fünf Jahre erhobenen Einkommens- und Verbraucherstichprobe mit rund 60.000 Teilnehmern. Das Jahr der Gewichtung oder, im Jargon der Statistiker, der Wägung, dient als Basisjahr für die Berechnung der Inflation. Die letzte Aktualisierung des Basisjahres von 2005 auf 2010 erfolgte im Januar 2013. Die Aktualisierung des Basisjahres von 2010 auf 2015 erfolgt voraussichtlich 2018.

Entwicklung des Warenkorbs zwischen 1995 und 2010

Die folgende Übersicht zeigt die Gewichtung im Warenkorb für Deutschland anhand der letzten vier Basisjahre 1995, 2000, 2005 und 2010.

Abteilung 1995 2000 2005 2010
Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke 13,1 % 10,3 % 10,4 % 10,3 %
Alkoholische Getränke und Tabakwaren 4,2 % 3,7 % 3,9 % 3,8 %
Bekleidung und Schuhe 6,9 % 5,5 % 4,9 % 4,5 %
Wohnung, Wasser, Strom, Gas und andere Brennstoffe 27,5 % 30,2 % 30,8 % 31,7 %
Möbel, Leuchten, Geräte und anderes Haushaltszubehör 7,1 % 6,9 % 5,6 % 5,0 %
Gesundheitspflege 3,4 % 3,5 % 4,0 % 4,4 %
Verkehr 13,9 % 13,9 % 13,2 % 13,5 %
Nachrichtenübermittlung 2,3 % 2,5 % 3,1 % 3,0 %
Freizeit, Unterhaltung und Kultur 10,4 % 11,0 % 11,6 % 11,5 %
Bildungswesen 0,7 % 0,7 % 0,7 % 0,9 %
Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen 4,1 % 4,7 % 4,4 % 4,5 %
Andere Waren und Dienstleistungen 6,1 % 7,0 % 7,4 % 7,0 %

Wie zu sehen ist, entwickeln sich die einzelnen Abteilungen teils in die entgegengesetzte Richtung. Ein langfristiger Trend ist die abnehmende Gewichtung von Nahrungsmitteln und Möbeln, ein anderer die steigende Gewichtung der Wohnungskosten und der Gesundheitspflege. Andere Abteilungen wie das Bildungswesen unterliegen hinsichtlich ihrer Bedeutung für den Warenkorb im Laufe der Jahre kaum nennenswerten Veränderungen.

Inflationsrate Deutschland: Durchschnitt  2006/1996 - 2016

  • Die durchschnittliche Inflation pro Jahr auf Basis des Verbraucherpreisindex liegt in Deutschland im Durchschnitt von 2006 bis 2016 bei rund 1,5 Prozent. Ausgeprägte Schwankungen von mehr als zwei Prozent sind kaum festzustellen. Die Höchststände seit dem Jahr 2000 wurden 2007 und 2008 mit 2,3 Prozent und 2,6 Prozent erreicht. Die geringste Teuerungsrate wurde mit 0,3 Prozent in den Jahren 2009 und 2015 gemessen.
  • Im Durchschnitt von 1996 bis 2016 ergibt sich ein ähnliches Bild. Der Durchschnitt lag bei 1,34 Prozent, die höchste Inflation wurde ebenfalls 2007 und 2008 mit 2,3 und 2,6 Prozent erreicht und auch die Teuerungsrate von 0,3 Prozent aus dem Jahr 2009 stellt im längerfristigen Vergleich den Tiefpunkt der Inflation auf Jahresbasis dar.

Jährliche Inflationsraten von 2006 bis 2016

Die folgende Übersicht zeigt die Entwicklung der offiziellen Inflationsrate für Deutschland in den einzelnen Jahren von 2006 bis 2016 sowie beispielhaft die Preisentwicklung für Nahrungsmittel, Wohnungskosten, Verkehr und Freizeit.

Jahr Inflationsrate Nahrungsmittel Wohnungskosten Verkehr Freizeit
2006 1,5 % 2,0 % 3,0 % 3,0 % -0,5 %
2007 2,3 % 3,9 % 1,9 % 3,8 % 0,3 %
2008 2,6 % 6,0 % 3,4 % 3,2 % 0,0 %
2009 0,3 % -1,3 % 0,4 % -1,9 % 1,6 %
2010 1,1 % 1,2 % 1,0 % 3,4 % -0,2 %
2011 2,1 % 2,8 % 3,1 % 4,5 % -0,3 %
2012 2,0 % 3,4 % 2,2 % 3,1 % 0,9 %
2013 1,5 % 3,9 % 2,0 % -0,2 % 2,5 %
2014 0,9 % 1,0 % 0,8 % -0,2 % 1,3 %
2015 0,3 % 0,7 % -0,4 % -0,17 % 0,6 %
2016 0,5 % 0,8 % -0,1 % -0,9 % 1,0 %

Hedonische Preisanpassung

Hält man sich also an die Zahlen der Statistiker, kann von einer hohen Inflation in Deutschland keine Rede sein. Warum aber behaupten viele Bürger dann steif und fest das Gegenteil?

Der Widerspruch wird oft mit Begriffen wie "gefühlte Inflation” oder "wahrgenommene Inflation" erklärt, soll also letztlich auf einem Irrtum der Verbraucher beruhen, der psychologisch zu erklären ist. Es gibt sogar einen Index der wahrgenommenen Inflation

Tatsächlich hat die Diskrepanz aber weniger mit Gefühl und Wahrnehmung zu tun, sondern lässt sich auf handfestere Ursachen zurückführen.

Eine dieser Ursachen ist die sogenannte hedonische Preisanpassung, mit den Qualitätssteigerungen insbesondere bei technischen Produkten erfasst werden sollen. Nach der hedonischen (übersetzt etwa: lustvollen) Methode ist der Preis, zum Beispiel für einen Computer, weniger ein Produktpreis als ein Preis der einzelnen qualitativen Eigenschaften, die den Computer auszeichnen: die Geschwindigkeit des Prozessors, die Speicherkapazität der Festplatte, etc.

Steigende Leistungseigenschaften werden nach der hedonischen Methode als sinkende Teilpreise eines Gesamtgeräts interpretiert, auch wenn sich am Verkaufspreis nichts ändert. Schließlich, so das Argument, zahlt der Käufer ja pro Leistungseinheit (Megahertz, Gigabyte etc.) nun weniger. Selbst ein realer Preisanstieg lässt sich mit der hedonischen Methode in einen Preisrückgang verwandeln.

Dass der Verbraucher Leistungseigenschaften nicht isoliert bezahlt, sondern am Ende eben doch die Entwicklung der Gerätepreise im Geldbeutel spürt, wird bei Anwendung der hedonischen Methode ignoriert. Es lässt sich darüber hinaus auch einwenden, dass nicht nur die Leistungseigenschaften, sondern auch die Leistungsanforderungen an den Computer durch die Software ständig steigen.

Keine hedonischen Preisanpassungen bei Qualitätsminderung

Die hedonische Methode wird in Deutschland und anderen Ländern nicht nur für Computer angewendet, sondern zum Beispiel auch für Fernseher, Haushaltsgeräte wie Waschmaschinen, Fahrzeuge und Wohnungseigentum.

Die Wirkungsrichtung für die Inflation ist dabei stets dieselbe: Es erfolgt eine Korrektur nach unten. Qualitätsmindernde Faktoren von konsumierten Waren und in Anspruch genommenen Dienstleistungen wie billigere Zutaten in Lebensmitteln, Verspätungen von Zügen, schmalere Sitze in Flugzeugen, Unterbrechungen der Internetverbindung und Ähnliches werden hingegen von der hedonischen Methode nicht erfasst.

Einen gewissen Ausgleich für die hedonische Preisanpassung bietet allerdings die Tatsache, dass günstigere digitale Güter nicht als Preissenkung für teurere nicht digitale Güter in der Inflationsberechnung auftauchen. Das bekannteste Beispiel dafür sind E-Books, die typischerweise weniger kosten als gedruckte Bücher desselben Umfangs und Inhalts.

Wie repräsentativ ist der Warenkorb wirklich?

Lässt man die grundsätzliche Absenkung der Inflationsrate durch die hedonische Methode außer Acht, bleibt immer noch die Frage, wie realistisch der Warenkorb aus Sicht der deutschen Bevölkerungsmehrheit ist. Schon ein flüchtiger Blick auf die Zusammenstellung lässt Zweifel aufkommen, insbesondere die Abteilung "Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke" mit einer Gewichtung von mittlerweile nur noch 10,3 Prozent.

Wer einen eher bescheidenen Betrag von 10 Euro pro Tag für diesen Posten ausgibt, kommt damit auf rund 300 Euro im Monat und müsste nach Steuern und Sozialabgaben netto knapp 3.000 Euro zur Verfügung haben, um als statistischer Durchschnittsbürger gelten zu können. Die durchschnittlichen Nettolöhne in Deutschland lagen 2016 jedoch mit 1.840 Euro deutlich unter diesem Betrag.

Damit bleiben für Nahrungsmittel nicht 10, sondern nur rund 6 Euro am Tag übrig: eher einer Herausforderung für Lebenskünstler als einem Abbild des Kaufverhaltens eines durchschnittlichen deutschen Verbrauchers.

Auswirkungen der Inflation in Deutschland

Die Auswirkungen der Inflation in Deutschland auf den einzelnen Bundesbürger hängen stark von den persönlichen  Ausgabegewohnheiten ab. Nehmen wir an Sie haben im Jahr 2016 die Ausgaben für in Bereichen mit negativer Inflation wie Verkehr, Wohnung und Nachrichtenübermittlung  gegenüber dem Vorjahr stärker im persönlichen Warenkorb gewichtet hat als die Kosten mit hohen Teuerungsraten wie Gesundheitspflege, alkoholische Getränke und Tabakwaren oder Bildung.

In der Folge lag Ihre persönliche Inflation aller Wahrscheinlichkeit nach unter dem Durchschnitt von 0,5 %, möglicherweise sogar im negativen Bereich. Haben Sie andererseits die Kosten für Verkehr, Wohnung und Nachrichtenübermittlung gesenkt, dafür die Kosten für Gesundheitspflege, alkoholische Getränke, Tabak und Bildung erhöht, waren Sie überdurchschnittlich stark von Teuerungen betroffen.

Auch Ihr Wohnort kann einen starken Einfluss auf die persönliche Inflation ausüben. In boomenden Großstädten mit starken Lohnzuwächsen können Anbieter von Waren und Dienstleistungen naturgemäß stärkere Preiserhöhungen durchsetzen als in strukturschwachen Regionen mit stagnierendem oder sogar sinkendem Einkommensniveau.

Persönlicher Inflationsrechner

Immerhin bietet das Statistische Bundesamt jedem Bürger die Möglichkeit, sich den Unterschied zwischen offiziellen Inflationsraten und den realen Geldwertverlusten im eigenen Alltag mithilfe eines persönlichen Inflationsrechners bestätigen zu lassen. Die oben beschriebenen hedonischen Anpassungen sind im angezeigten Ergebnis enthalten.

Alternative Berechnung der Inflation

Um die Wertentwicklung einer Währung zu beurteilen, gibt es eine einfache Alternative zu den für statistische Verzerrungen anfälligen Warenkörben, nämlich die monetäre Inflation. Man betrachtet einfach das Wachstum der ausgegebenen Geldmenge und zieht davon das Wirtschaftswachstum ab.

Die Grundidee ist dabei folgende: Je mehr Geld im Wirtschaftskreislauf vorhanden ist, desto weniger Güter entsprechen einer beliebigen Menge des Geldes, zum Beispiel 10, 100 oder 1000 Euro, sofern die Menge der Güter nicht im selben Umfang zunimmt. Wächst die Geldmenge schneller als das Bruttoinlandsprodukt (die Menge der Güter) führt das zu einer realen Entwertung des Geldes.

Die Preissteigerung der Güter ist die Konsequenz dieser geänderten Wertverhältnisse, die auch mit zeitlicher Verzögerung auftreten kann. Auf lange Sicht, so die Annahme, schlägt der Überschuss des Geldes aber auf das Preisniveau durch. Hält die Entwicklung der Löhne und Gehälter wiederum nicht mit der Erhöhung der Geldmenge schritt, ist Kaufkraftverlust der Bevölkerung die Folge.

Monetäre Inflation in Deutschland von 2006 bis 2016

Legt man diese Idee der monetären Inflation zugrunde, liegt die Geldentwertung in Deutschland im Zeitraum von 2006 bis 2016 bei durchschnittlich 4,0 Prozent pro Jahr. Dem steht eine durchschnittliche offizielle Inflationsrate nach dem Verbraucherpreisindex von nur 1,5 Prozent gegenüber.

Jahr Geldmenge* Geldmengen-wachstum Wirtschafts-wachstum Monetäre - Inflation Inflation
2006 1.659,9 4,5 % 3,7 % 0,8 % 1,5 %
2007 1.839,1 10,8 % 3,3 % 7,5 % 2,3 %
2008 2.015,0 9,6 % 1,1 % 8,5 % 2,6 %
2009 1.980,6 -1,7 % -5,6 % 3,9 % 0,3 %
2010 1.987,4 0,3 % 4,1 % -3,8 % 1,1 %
2011 2.104,3 5,9 % 3,7 % 2,2 % 2,1 %
2012 2.252,9 7,06 % 0,5 % 7,1 % 2,0 %
2013 2.311,0 2,9 % 0,3 % 2,6 % 1,5 %
2014 2.423,5 4,9 % 1,6 % 3,3 % 0,9 %
2015 2.647,6 9,3 % 1,7 % 7,6 % 0,3 %
2016 2.797,8 5,7 % 1,9 % 3,8 % 0,5 %

Deutscher Beitrag zur Geldmenge M3 im Euro-Währungsgebiet in Milliarden Euro
(Stand zum Jahresende)

Inflation Deutschland im Vergleich

Innerhalb Europas befindet sich die Inflation in Deutschland im durchschnittlichen Bereich. Die folgende Übersicht zeigt die Inflationsraten in den Ländern der Euro-Zone mit Stand vom März 2017 gegenüber dem Vorjahresmonat.

Land Inflation
Lettland 3,3 %
Litauen 3,2 %
Estland 3,0 %
Belgien 2,5 %
Luxemburg 2,5 %
Österreich 2,2 %
Spanien 2,1 %
Slowenien 2,0 %
Griechenland 1,7 %
Deutschland 1,5 %
Zypern 1,5 %
Euro-Zone 1,5 %
Frankreich 1,4 %
Portugal 1,4 %
Italien 1,4 %
Malta 1,2 %
Slowakei 1,0 %
Finnland 0,9 %
Niederlande 0,6 %
Irland 0,6 %

Inflationsrate Deutschlandim vergleich Stand März 2017

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