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Stand: 17.02.2022 von Hannes Zipfel
Die Weltbank kritisiert in ungewöhnlicher Schärfe den laxen Umgang der großen Zentralbanken mit der Inflation. Durch eine bereits in Gang gekommene Lohn-Preis-Spirale drohe die Teuerung außer Kontrolle zu geraten. Besonders EZB-Chefin Christine Lagarde steht im Fokus der Kritik.
Inflation: Weltbank wirft EZB Versagen vor

Highlights der Weltbank-Analyse:

  • Gefahr einer globalen Stagflation
  • Falsche Erwartungen der EZB
  • Schuldenschnitt als Lösung

Gefahr einer globalen Stagflation

In dem aktuellen World Development Report (WDR) bringt die Chefökonomin der Weltbank, Carmen Reinhart, ihre Sorge vor der Entstehung einer „Stagflation“ zum Ausdruck. Die Wort-Kombination aus ökonomischer Stagnation und Inflation beschreibt einen äußerst problematischen Zustand der Wirtschaft: Einerseits steigen die Preise dynamisch auf breiter Front an, auf der anderen Seite schwächelt die Wirtschaft. Die Kaufkraft der Bürger wird dadurch stark herabgesetzt und für Unternehmen steigt die Insolvenzgefahr.

Dieses Szenario sei nicht nur für Schwellenländer ein Problem, sondern auch für die Industrieländer. Nach Meinung der Weltbank reagieren die großen Zentralbanken wie in den 1970er-Jahren viel zu spät auf die Inflationsentwicklung und schätzen die Eigendynamik der Inflationsspirale falsch ein.

Vor allem die ernorme Steigerung der Agrarrohstoff- und Energiepreise hat die Armut weltweit bereits verschärft. Gerade Familien mit niedrigen Einkommen geben einen Großteil ihres Geldes für Nahrung und Energie aus. Ein Blick auf die Entwicklung der landwirtschaftlichen Produkte zeigt die Dramatik der Verteuerung: Allein in den letzten 12 Monaten stieg der globale Preisindex für Agrargüter um 22 Prozent an – die realen Einkommen waren hingegen rückläufig.

Globale Preisindex für Agrargüter

Der Präsident der Weltbank-Gruppe, David Malpass, prognostiziert zudem eine harte Konjunkturlandung. Diese kombiniert mit hohen Inflationsraten und sich verschärfenden Finanzierungskonditionen sei keine gute Perspektive für die Weltwirtschaft. Vor allem viele Entwicklungsländer ohne Rohstoffreichtum, deren Ökonomien durch die Corona-Krise ohnehin bereits stark angeschlagen sind, wären die Hauptleidtragenden einer Stagnation.

Nach Meinung der Weltbank tritt die Weltwirtschaft nach der starken Erholung im Jahr 2021 angesichts der Zunahme von Inflation, Verschuldung und Einkommensungleichheit in eine Phase deutlich langsameren Wachstums ein.

Die Volkswirte der Weltbank erwarten, dass sich das globale Wachstum im Jahr 2022 und im Jahr 2023 deutlich zurückbildet, da die aufgestaute Nachfrage nachlässt und die fiskalische und monetäre Unterstützung weltweit zurückgefahren wird.

Wörtlich sagt der Ökonom und Weltbank-Präsident David Malpass:

„Die Weltwirtschaft ist gleichzeitig mit den Folgen von Covid-19, hoher Inflation und politischer Unsicherheit konfrontiert, wobei die Staatsausgaben und die Geldpolitik Neuland betreten.“

Mit „Neuland“ meint Malpass die prekäre Kombination aus globaler Verschuldung nahe Rekordniveau und stark erhöhter Inflationsraten, was den Handlungsspielraum der Geldpolitiker stark einschränkt.

Die globale Verschuldung ging Ende letzten Jahres wegen des höheren Wirtschaftswachstums zwar im Vergleich zum globalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) etwas zurück, blieb jedoch nahe dem Rekordhoch aus dem Sommer 2021, während die Verschuldung in den Schwellenländern auf ein neues Rekordhoch von 92,5 Billionen US-Dollar anschwoll.

Die Gesamtverschuldung weltweit, einschließlich der Schulden von Regierungen, Haushalten und Unternehmen, liegt etwa 36 Billionen Dollar über dem Niveau vor der Pandemie, so die Weltbank. Das Verhältnis der Verschuldung zur jährlichen globalen Wirtschaftsleistung erreichte Ende des 2021 knapp 350 Prozent, wie Daten des Institute of International Finance (IIF) zeigen.

Gleichzeitig stiegen die Inflationsraten zuletzt in den 19 Ländern der Eurozone mit 5,1 Prozent auf den höchsten Stand seit Beginn der diesbezüglichen Datenaufzeichnungen im Jahr 1997 an. Nicht viel niedriger fällt die Teuerungsrate in Großbritannien aus – hier liegt sie auf Jahresbasis bei 5,4 Prozent. In der größten Volkswirtschaft der Welt, den USA, stieg die Inflationsrate zuletzt auf 7,5 Prozent p. a., was einem Vierzigjahreshoch entspricht. In Schwellenländern wie z. B. Pakistan mit seinen laut Weltbank 221 Millionen Einwohnern stiegen die Preise im Januar um 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In der Türkei mit seinen 84 Millionen Einwohnern trieb die Schwäche der Landeswährung die jährliche Inflationsrate zuletzt auf einen Stand von 48,7 Prozent nach oben.

Die Chefökonomin der Weltbank, Carmen Reinheit, hält die globale Teuerungswelle nicht für temporär. Sie meint:

„Über 40 Prozent der Industrieländer und fast drei Viertel der Schwellen- und Entwicklungsländer haben Inflationsraten von mehr als fünf Prozent. Die Inflation breitet sich eindeutig aus; sie ist ein globales Problem und wird uns noch eine Weile begleiten.“

Falsche Erwartungen der EZB

Carmen Reinhart kritisiert die großen Zentral- und Notenbanken weltweit. Diese würden die Hartnäckigkeit der Inflation und das daraus resultierende Risiko einer Inflationsspirale unterschätzen.

Besonders scharf geht sie dabei die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde an, die erst bei einer wirtschaftlichen Überhitzung Handlungsbedarf in Sachen Inflationsbekämpfung sieht. Reinhart widerspricht dieser Ansicht vehement:

„Für steigende Inflation braucht man keine Überhitzung der Wirtschaft.“

Lieferengpässe, Materialknappheiten, eine in den letzten beiden Jahren äußerst expansive Fiskal- und Geldpolitik sowie die sich in den USA bereits abzeichnende Lohn-Preis-Spirale seihen genug Impulse für eine anhaltend hohe Inflationsdynamik auch in Europa.

Die US-Notenbank (Fed) bekommt bei dem Rundumschlag der Weltbank ebenfalls ihr Fett weg: Aufgrund der hohen Gesamtverschuldung der US-Volkswirtschaft in Höhe von 86 Billionen US-Dollar bzw. 370 Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden die Gegenmaßnahmen zur Eindämmung der Teuerung bescheiden ausfallen. Laut Reinhart reicht das nicht aus:

„Die Realzinsen sind seit geraumer Zeit tief im negativen Bereich, sodass mehr als eine bescheidene Straffung erforderlich sein wird.“

Gemäß dem ökonomischen Modell der Weltbank müsste die Fed die Zinsen eigentlich kurzfristig um 300 Basispunkte (3,0 Prozentpunkte) anheben. Damit sei jedoch nicht zu rechnen – wohl eher mit 100 Basispunkten in den kommenden 12 Monaten.

Am problematischsten sieht die Weltbank allerdings das Schulden-Inflations- und Finanzmarktblasen-Dilemma. Einerseits müssten die Zentralbanken frühzeitig Maßnahmen gegen die Inflation einleiten, anderseits seihen die Finanzmärkte, v. a. die Anleihemärkte hoch verschuldeter Schwellenländer, enormen Risiken ausgesetzt, wenn die Zinsen und damit die Refinanzierungskosten deutlich ansteigen.

Reinhart bringt es auf den Punkt:

„Je mehr die weltweiten Zinssätze steigen, desto größer ist die finanzielle Anfälligkeit in Schwellen- und Entwicklungsländern. Für die anfälligeren Länder erhöht sich dadurch das Risiko einer Staatsschuldenkrise.“

Einen Ausweg aus diesem Dilemma kann auch die Weltbank mit ihrem Heer an hoch dotierten Ökonomen und Analysten nicht liefern. Es bleibt lediglich bei dem Appell:

„…frühzeitige, maßgeschneiderte Maßnahmen zu ergreifen, um ein gesundes Finanzsystem zu unterstützen.“

Und es kommt die von der Weltbank obligatorische Forderung nach einem Schuldenschnitt für Entwicklungsländer.

Schuldenschnitt als Lösung

Alarmierend wirkt das Ergebnis einer Umfrage der Weltbank, wonach 40 Prozent der weltweit befragten Unternehmen davon ausgehen, spätestens in sechs Monaten in Zahlungsverzug zu geraten.

Zwar seihen die Kreditausfallraten aktuell noch gering, das könne sich laut Reinhart aber sehr schnell in Folge einer Stagflation ändern. Die Unternehmen wären dann immer weniger in der Lage, ihre höheren Kosten weiterzureichen und gingen dadurch bankrott.

Dies würde zur Folge haben, dass auch die öffentliche Verschuldung noch weiter durch Rettungskredite ansteigen würde. Reinhart verweist dabei auf die Erfahrungen aus der letzten Weltfinanzkrise.

Als besonders anfällig für eine neue Schuldenkrise sieht sie neben der Türkei und einigen afrikanischen Staaten vor allem Lateinamerika.

„Betrachtet man die Länder mit mittlerem Einkommen und die versteckten Finanz- und Unternehmensschulden, so ist Lateinamerika stark betroffen.“

Viele öffentliche und private Haushalte in den Entwicklungsländern seien mit untragbaren Schuldenständen und sinkenden Realeinkommen konfrontiert.

Der Teufelskreis aus Verschuldung und Verarmung sei nur durch einen Schuldenschnitt zu durchbrechen. Der Wunsch der Gläubiger, ihr geliehenes Geld zurückzuerhalten, werde dabei ein großes Problem, so Reinhart.

Natürlich ist Enteignung immer ein Problem und nichts anderes stellt ein Schuldenschnitt dar. Die Weltbank zeigt damit zwei Perspektiven auf, die für Edelmetalle gleichermaßen relevant sind: den Abbau der Schulden entweder durch Tolerierung der Inflation durch die Zentralbanken oder einen gigantischen Schuldenschnitt. Die Weltbank setzt sich für Letzteres ein. Sehr wahrscheinlich ist eine Kombination aus beidem – also Inflation und Schuldenschnitt.

Der intrinsische Wert der Edelmetalle garantiert in beiden Fällen den Erhalt des Vermögens. Daher existiert für Anleger eine Ausstiegsoption aus dem oben beschriebenen Schulden-Inflations- und Finanzmarktblasen-Dilemma: Die Möglichkeit, mit Sachwerten, die unabhängig von wirtschaftlicher Prosperität und der Solvenz Dritter sind, Vermögen zu schützen. Zu diesen Sachwerten gehören zweifellos auch die Edelmetalle Gold, Silber, Platin und Palladium.

Autor: Hannes Zipfel
Ökonom
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von GERD Speicher | 21.02.2022, 18:44 Antworten

Offenbar hat man mit Frau Lagarde, die mit fehlender Sachkompetenz und mangelndem Durchsetzungswillen im EZB-Rat glänzt, mit Verlaub gesagt, den Sog. BOCK ZUM GÄRTNER gemacht. Nicht nur wir braven Sparer werden enteignet, die zeitnahe Überraschung der Börsianer steht auch bevor. Ziehen wir uns warm an. Die fiskale Aufmerksamkeit darf nicht nur den Südländern gewidmet werden.

von Philipp Thomsen | 17.02.2022, 19:48 Antworten

Auch die monetären Minenaktien?

von Fred | 18.02.2022, 18:41 Antworten

Das ist alles nur zum wohle des Volkes und die Steuern Sprudeln , da können ja mal wieder die Diäten erhöht werden !

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