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Stand: 17.03.2022 von Hannes Zipfel
Obwohl die Inflationsrate in den USA bereits seit Beginn des letzten Jahres massiv ansteigt, konnte sich die US-Notenbank erst jetzt zu einer kleinen Zinsanhebung durchringen. Der Realzins verharrt indes so stark im negativen Terrain wie zu Beginn der 1950-er Jahre. Die aktuelle Geldpolitik in den USA kommt in Sachen Inflationsbekämpfung einer Kapitulation gleich.
Inflationsbekämpfung: US-Notenbank führt Scheingefecht

Die Verhältnismäßigkeit stimmt nicht mehr

In einigen Wirtschaftsmedien wird die gestrige Zinsanhebung der US-Notenbank (Fed) um 0,25 Prozentpunkte auf effektiv 0,33 Prozent pro Jahr als

„kräftiges Signal“ oder „der Beginn einer Zinswende“ gefeiert.

In Wahrheit hinkt die bedeutendste Notenbank der Welt dem Tempo der Geldentwertung meilenweit hinterher.

Die jährliche Verbraucherpreisinflation liegt gemäß den Daten, die vom U.S. Bureau of Labor Statistics für den Monat Februar erhoben wurden, bei 7,9 Prozent. Auf diesem Niveau lag die Teuerungsrate zuletzt im Februar 1982. Damals befand sich der US-Leitzins bei 14,78 Prozent und damit 45-mal höher als heute.

US-Leitzins vs US-Verbraucherpreisinflation

Mit dem Beginn des Ukraine-Krieges und der Einführung der Sanktionen gegen Russland und Belarus dürfte dies jedoch noch nicht das Ende der Inflationsspirale gewesen sein. Denn vor allem Treibstoffe und Nahrungsmittel haben sich seit dem 24. Februar nochmals spürbar verteuert. Zudem machen sich in den USA bereits Zweitrundeneffekte bemerkbar, auf die die Fed in ihrem Statement zu ihrer Zinsentscheidung selbst hinweist:

„Die Arbeitsnachfrage ist sehr stark, das Arbeitsangebot bleibt gedämpft.“

Damit sind die Voraussetzungen für eine Lohn-Preis-Spirale vollständig gegeben.

Die Inflation wird sich also im Zuge der Sanktionen nicht nur weiter erhöhen, sondern wegen zunehmender Forderungen der Arbeitgeber nach einem Inflationsausgleich und somit steigender Lohnkosten auch verstetigen.

Die stark hinterherhinkenden Zinsmaßnahmen der Fed dürften somit die Realzinsen, also den Nominalzins abzüglich der Inflationsrate, auf neue zyklische Tiefststände treiben. Aktuell liegt der Realzins in den USA in Bezug auf den effektiven Leitzins bei -7,75 Prozent, gemessen an der Rendite einer einjährigen US-Staatsanleihe bei -6,95 Prozent und bezogen auf eine 10-jährige US-Staatsanleihe bei -5,74 Prozent.

Realzins in den USA in Bezug auf den effektiven Leitzins bei -7,75 Prozent

USA: Inflation vs. Nominalzins vs. Realzins

Bis zum Jahresende sollen die Zinsen, je nach Verlauf der Konjunktur auf bis zu 1,9 Prozent angehoben werden. Dies geht aus den Prognosen der einzelnen Mitglieder des Offenmarktausschusses der Fed hervor (sogenannte „Dot Plots“).

Selbst wenn die Inflationsrate auf dem jetzigen Niveau verharren würde, blieben die Realzinsen tief im negativen Terrain und weit davon entfernt, der Inflationsrate auch nur nahezukommen.

Zwickmühle Konjunktur und Schulden

Ihre Inflationsprognose anhand des Personal Consumption Expenditures Index (PCE), der ohne Energie und Nahrungsmittel berechnet wird, hat die US-Notenbank von zuvor 2,6 Prozent kräftig auf 4,3 Prozent für das Jahr 2022 angehoben. Gleichzeitig verdüstern sich die Wachstumsperspektiven. Im laufenden Jahr werde die US-Wirtschaft nicht wie noch im Dezember gemutmaßt um 4,0 Prozent, sondern lediglich um 2,8 Prozent wachsen.

Aber auch diese verringerte Konjunkturprognose sei mit „großer Unsicherheit“ verbunden, so die Fed.

Der wöchentlich für die USA veröffentlichte ökonomische Leitindex, basierend auf einer Reihe von Einzelindikatoren, zeigt den Dynamikverlust der Wirtschaft bereits vor der jüngsten Zinsanhebung deutlich an.

Ökonomische Leitindex

Die Frage ist also, ob die nun vollmundig angekündigten sechs Zinserhöhungen für dieses Jahr überhaupt stattfinden werden, oder ob die US-Wirtschaft nicht vorher in eine Rezession abgleitet.

Letzteres legt die starke Verflachung der Zinsstrukturkurve nahe. Bei diesem Phänomen wird bei den Renditen längerfristiger Anleihen bereits eine Rezession mit erneuten Zinssenkungen am Markt eingepreist, während sich die Renditen kürzer laufender Anleihen stärker am aktuellen Leitzins und weniger an den Konjunkturaussichten orientieren.

Bislang erfolgte auf jede starke Verflachung bzw. Invertierung der Zinsstrukturkurve eine Rezession (graue Balken im Chart). Zuletzt war dies im zweiten Quartal 2020 der Fall.

Zinsstrukturkurve USA

Schuldenlast verunmöglicht Zinsnormalisierung

Den größten Hemmschuh für eine erfolgreiche Inflationsbekämpfung durch Zinsanhebungen der US-Notenbank stellen die historisch hohen Schulden dar.

Gehalten werden die Schulden von Gläubigern außerhalb der USA und der US-Oberschicht (ca. 10 Prozent der Bevölkerung). Der Großteil der privaten und öffentlichen Schuldner profitiert daher von niedrigen Zinsen (Kreditkosten) und wird durch höhere Zinsen stark belastet.

Gemäß der US Debt Clock (Nationale Schuldenuhr) fallen für die US-Schuldner schon jetzt jährlich 3,35 Billionen US-Dollar an Zinszahlungen an. Das entspricht 14,6 Prozent der wirtschaftlichen Gesamtleistung eines Jahres (Bruttoinlandsprodukt). Würde sich der Leitzins wie von der Fed gestern prognostiziert bis zum Jahresultimo auf 1,9 Prozent erhöhen, könnte dies die jährlichen Zinszahlen, die zum großen Teil variabler Natur sind, sich dem veränderten Zinsniveau also kurzfristig anpassen, auf 4,9 Billionen US-Dollar bzw. auf 21,3 Prozent des US-BIP erhöhen.

Noch ambitionierter erscheint in diesem Zusammenhang das Endziel des jetzigen Zinserhöhungszyklus der Fed bei 2,8 Prozent für Mitte 2024. In diesem Fall würde die Zinslast der horrenden US-Gesamtverschuldung auf ein Viertel des gesamten US-BIP ansteigen. Damit wären die Schulden nicht mehr tragfähig.

Daher kann man der Fed fast unterstellen, dass sie fest davon ausgeht, dass die US-Wirtschaft so stark an Fahrt verliert, dass sie unter diesem Vorwand ihre „Zinswende“ vorzeitig abbrechen kann.

Hilf dir selbst, so hilft dir Gott

Da die Geldpolitik für die Finanzmärkte mittlerweile zum wichtigsten Faktor und die Notenbanker zu einer Art Magier der Märkte geworden sind, deren Handlungsspielraum nun aber stark schuldenbedingt beschränkt ist, gilt in Sachen Inflationsschutz die sprichwörtliche Aufforderung, die Initiative in die eigene Hand zu nehmen und keinem anderen zu überlassen.

Dabei weist die langfristige Korrelation zwischen negativen Realzinsen und der Goldpreisentwicklung den Anlegern einen möglichen Weg. Wann immer die Nominalzinsen abzüglich der offiziellen Inflationsrate niedrig oder sogar negativ waren, konnte Gold glänzen.

Realzins in Prozent vs. Goldpreisentwicklung

Aktuell liegt der US-Realzins gemessen an der jährlichen Rendite einer zehnjährigen US-Staatsanleihe bei -5,74 Prozent und sprengt damit die Skala der oben dargestellten Statistik der Deutschen Bank.

Noch mehr Potenzial als der Goldpreis hat wegen der besseren Leistbarkeit und der relativen Unterbewertung der Silberpreis zum Zweck des Inflationsschutzes.

Autor: Hannes Zipfel
Ökonom
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von Der bewegte Banker | 27.03.2022, 18:34 Antworten

Die Zentralbanker sind diejenigen, die als Unbeteiligte regelmäßig zum Intelligenztest des Weltmarktes interviewt werden.

von Autsch | 21.03.2022, 20:09 Antworten

Sehr Gut Her Zipfel und mal wieder sehr analytisch aber leider muss ich ein paar schlechte Informationen weiter geben. Viele Länder sind dabei aus dem Dollar auszusteigen und dies für sehr gute Gründe. Die USA drohen allen Ländern die aussteigen wollen und dies auch kund tun. Wenn man es mit klaren Augen ansieht stellt man fest, die USA ist Finanziell TOT. Nun gut, die EU ebenfalls. Das CBDC kommt, und das wissen viele, aber haben diese Menschen auch realisiert was dies bedeutet? Ich denke nicht.
Ich wünsche allen nur das BESTE

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