Gold: 1.686,82 € -0,33 %
Silber: 21,32 € +0,53 %
Stand: 01.10.2022 von Hannes Zipfel
Seit dem der Silberpreis im Sommer zyklische Tiefststände erreichte, entwickeln sich die Kurse des weißglänzenden Edelmetalls deutlich besser als die von Gold und anderen Anlageformen. Was steckt hinter diesem Phänomen?
Silber geht seinen eigenen Weg

Silber zeigt sich erstaunlich robust

Trotz der ungünstigen Gemengelage aus steigenden Zinsen, sinkender Marktliquidität und schwächelnder Konjunktur macht Silber aktuell im Vergleich zu anderen Anlagen eine relativ gute Figur.

Seit den Tiefstständen im Sommer liegt das weiße Edelmetall klar vorn und konnte sich von den Kursrückgängen an anderen Märkten nahezu vollständig abkoppeln:

Entwicklung Silberpreis im Vergleich

Im mittelfristigen Vergleich über die letzten fünf Jahre hat Gold allerdings mit einer mehr als dreimal so hohen Wertsteigerung deutlich besser abgeschnitten:

Entwicklung Goldpreis vs. Silberpreis

In US-Dollar zeigt der Silber-Chart die Möglichkeit einer Bodenbildung in Form einer inversen Schulter-Kopf-Schulter-Formation (S-K-S):

Silberpreis in US-Dollar

Die Oszillatoren „Stochastik“ (Stoch) und „Relative Stärke“ (RSI) zeigen aktuell noch keine "Überkauftheit" an, was aus technischer Sicht weiteres Potenzial nach oben eröffnet. Zudem konnte durch den jüngsten Kursanstieg das wichtige 61,8 Prozent Fibonacci-Level (gestrichelte Linie) wieder überwunden werden und dient nun erneut als Unterstützung. Der nächste Widerstand wartet bei ca. 19,30 US-Dollar pro Unze, wo aktuell die gleitende 50-Tage-Durchschnittslinie verläuft (pinke Linie im Chart oben).

Gründe für die relative Silberpreisstärke

Der Blick auf den Chart des Preisverlaufs in US-Dollar zeigt klar, dass Silber schon seit Mitte Februar massiv korrigierte. Viele, v. a. kurzfristig orientierte Anleger haben sich aus dem Markt bereits zurückgezogen.

Der COT-Report für den US-Silber-Terminmarkt COMEX zeigt in der Folge eine starke Bereinigung. Die großen Spekulanten (Large Speculators) setzen erstmals seit Mai 2019 wieder netto auf fallende Preise und sind aktuell mit 1.640 Kontrakten Short. Diese Positionierung gilt als Kontraindikation und ist damit positiv für die weitere Entwicklung des Silberpreises zu werten. Ein Kontrakt an der COMEX umfasst jeweils 5.000 Feinunzen Silber und hat einen Wert von aktuell 95.200 US-Dollar.

Die Gesamtzahl aller offenen Silber-Future-Kontrakte (Open Interest) liegt mit 132.107 nur knapp unter dem Tiefststand vom Mai 2020. Der für die Preisbildung bei Silber wichtige Terminmarkt ist also quasi "ausgetrocknet", was erklärt, warum es trotz massiver Kursrückgänge an anderen Märkten nicht zu weiterem Verkaufsdruck bei dem Edelmetall kam.

Terminmarktdaten Silber (COMEX / COT-Report)

Als sich das Open Interest zuletzt auf diesen niedrigen Niveaus befand, wurde Silber bei 15 US-Dollar pro Feinunze (Spot-Preis) gehandelt und stieg anschließend bis zum 7. August 2020 auf in der Spitze knapp 30 US-Dollar an (Tageshoch: 29,86 US$/Unze). Es kam also zu einer glatten Verdopplung der Kurse.

Der Grund dafür war damals ein massives Umsteuern der Zentralbanken in Sachen Geldpolitik im Zuge der Pandemie, um systemische Risiken im Finanzsystem zu vermeiden, so wie es am Donnerstag erneut die Bank of England tat, die nun wieder Geld druckt, anstatt ihre Bilanz abzubauen.

Der COT-Index befindet sich mit einem Wert von 84 (rote Linie) nach wie vor klar im Kauf-Bereich, der bei Werten über 75 liegt (über der grünen Linie).

#silversqueeze

Beachtenswert ist nach wie vor der zunehmende Einfluss der in den USA gestarteten und mittlerweile zum globalen Massenphänomen mutierten „#silversqueeze“-Bewegung. Mittels Käufen von Silber-Münzen, Barren und mit physischem Metall nachweislich gedeckten Exchange Traded Funds (ETFs) wird versucht, die Lagerbestände der US-Warenterminbörse COMEX auszutrocknen und so die Leerverkäufer von Silber durch Lieferzwang statt Barausgleich am Ende der Kontraktlaufzeit unter Druck zu setzen.

Ziel der Aktion ist es, eine sogenannte „Shortage“, also Knappheit an Silber am Terminmarkt zu erzeugen und eine Kaufpanik auszulösen (Silver-Squeeze). Dabei werden die Halter von Kontrakten, die auf fallende Märkte spekulieren (Leerverkäufer) aus dem Markt gedrückt (Squeeze). Dazu müssen sie ihre Verkaufspositionen durch Silber-Käufe glattgestellt, was die Kurse stark nach oben treibt. Ob dieses Ziel am Ende tatsächlich erreicht wird, bleibt abzuwarten.

COMEX Silber

Marktstimmung tief im Keller

Die von SentimentTrader gemessene Stimmung am Silbermarkt liegt nach wie vor auf extremen Tiefstständen, was ebenfalls als Kontraindikation positiv für die zukünftige Preisentwicklungen interpretieren werden kann. In der Vergangenheit waren Phasen mit derart pessimistischer Einstellung zum Silberpreis eine gute Voraussetzung für eine Bodenbildung mit anschließenden signifikanten Kurssteigerungen:

Stimmungs-Indikator Silver Optix

Saisonalität

Nicht ganz außer Acht lassen sollte man bei Silber auch die saisonalen Einflussfaktoren, v. a. gegen Ende des Jahres. Da Schmuck und Silbergeschirr bzw. Silberware über 20 Prozent der Nachfrage bei dem weißen Edelmetall ausmachen und diese Nachfrage vor Weihnachten erfahrungsgemäß stark ansteigt, ist empirisch nachweisbar ein positiver Effekt auf die Kursentwicklung feststellbar.

Silbernachfrage gesamt 2021

In diesem Jahr hängt der Silberpreis der durchschnittlichen saisonalen Entwicklungen der letzten 5, 10 und 15 Jahre zum Teil deutlich hinterher. Auch von dieser Seite könnten die Kurse in den kommenden Wochen also weitere positive Impulse erhalten:

Saisonalität des Silberpreises

Risiken

Die genannten Gründe für die aktuelle Stärke des Silberpreises, auch gegenüber anderen Anlageformen, dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Silber fast zur Hälfte von der Industrie nachgefragt wird (2021: 48,4 Prozent) und die Nachfrage damit wesentlich von Konjunkturschwankungen abhängt. Die aktuell deutlich eingetrübten Aussichten mit der Erwartung einer weltweiten Rezession im Winterhalbjahr sind ein klares Risiko für die Wertentwicklung von Silber.

Zudem sind wichtige Zentralbanken, wie die US-Notenbank (Fed) und die Europäische Zentralbank (EZB) nach wie vor dabei, ihre Geldpolitik zu straffen. Im Zuge dessen werden die Zinsen angehoben und die Marktliquidität durch den Bilanzabbau (das Gegenteil von Gelddruckprogrammen) verringert.

Gerade die zinslosen Edelmetalle reagieren negativ auf Zinssteigerungen. Allerdings ist absehbar, dass der Kurs der Notenbanken nicht durchhaltbar ist, wie jüngst am Beispiel der Bank of England (BoE) zu sehen war, die nach Turbulenzen am britischen Anleihe- und Devisenmarkt eine 180-Grad-Wende vollziehen musste, um einen Finanzmarktcrash in letzter Sekunde abzuwenden und nun wieder Geld druckt. Die BoE will im Gegenwert von zunächst 60 Milliarden Pfund Staatsanleihen (Gilts) kaufen, anstatt wie noch vor Kurzem verlautbart für 80 Milliarden Pfund Gilts aus der Zentralbankbilanz zu entfernen.

Der Schuldendruck und die bereits einbrechenden Vermögenspreise bei Aktien, Anleihen und Immobilien in Kombination mit rezessiven Tendenzen können sehr schnell zu einem Umsteuern der beiden wichtigsten Zentralbanken der Welt, also der Fed und der EZB, führen.

Nach dem Einknicken der BoE am Mittwoch dieser Woche (28. September) stiegen sowohl der Silberpreis als auch die Kurse für Gold, Platin und Palladium aber auch für die Minenaktien sprunghaft an.

Goldminenaktien vs. Goldpreis in USD vs. Silberpreis

Bei einem geldpolitischen Umschwenken der EZB und/oder der Fed wären die Dimensionen und vor allem die Nachhaltigkeit der Kursanstieg bei den Edelmetallen und Minenaktien sehr wahrscheinlich ungleich ausgeprägter.

Autor: Hannes Zipfel
Ökonom

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