Gold: 2.167,70 € -0,09 %
Silber: 25,44 € -0,31 %
Stand: 23.11.2023 von Hannes Zipfel
Ganze 63 Prozent macht die Nachfrage aus der Industrie bezogen auf das in diesem Jahr zu erwartende Gesamtangebot an Silber aus. Es lohnt sich also, diese Entwicklung neben dem Investmentbereich, der Fotografie und dem Schmucksektor näher zu beleuchten.
Silber: Industrienachfrage erreicht 2023 Allzeithoch

Zumal sich das Angebotsdefizit in diesem Jahr wahrscheinlich zum fünften Mal in Folge jährt und sich die Lagerbestände dadurch weiter zurückbilden. Produktion und Recycling können mit der Nachfrage nicht mithalten.

Photovoltaikindustrie als größter Nachfragetreiber bei Silber

Gemäß den Umfrageergebnissen des jüngsten Silber-Reports der Rohstoffexperten von Metals Focus (MF, Ausgabe 534 vom 22. November) ist die industrielle Silbernachfrage auf dem besten Weg, ein neues Allzeithoch im Jahr 2023 zu etablieren.

Und das trotz eines weltweit schwierigen wirtschaftlichen Umfeldes, so die Experten von MF. Dabei sticht die Industrie gegenüber allen anderen Nachfragebereichen, die rückläufig sind, positiv hervor.

Wobei gleichzeitig das Gesamtangebot durch Minenproduktion, Recycling, dem Abbau von Absicherungsgeschäften („De-Hedging“, z. B. von Silberminengesellschaften) und Zentralbankverkäufen rückläufig erwartet wird.

Diese Gemengelage führt nach Angaben der Silberspezialisten Philip Newman und Sarah Tomlinson von MF auch in diesem Jahr zum fünften Mal in Folge zu einem Silberangebotsdefizit. Angeführt wird der Nachfrageschub in der Industrie von der Installation neuer und dem Ersatz veralteter Photovoltaikanlagen (PVs).

In der folgenden Grafik ist dieser PV-Anteil prozentual an der gesamten Industrienachfrage in der rechten Skala als rote Linie dargestellt:

Silver Industrial Demand

Im Jahr 2023 soll laut MF die Erzeugerkapazität der PVs zum ersten Mal überhaupt weltweit auf fast 400 Gigawatt (GW) ansteigen, da vor allem in den USA und China der Ausbau massiv vorangetrieben wird. Dadurch steigt die Produktion von PV-Zellen im Trend ebenfalls weiter an. Diese Entwicklung sollte sich auch im nächsten Jahr fortsetzen (so zumindest die Planungen der jeweiligen Regierungen).

Trotz Substitution und Materialeinsparung steigt die Industrienachfrage

Der Anstieg der industriellen Nachfrage ist so rasant, dass Bemühungen, das Edelmetall pro Produktionseinheit zu reduzieren oder durch billigere Materialien, wie z. B. Kupfer zu ersetzen, überkompensiert werden.

Der globale Anstieg des Silberverbrauchs allein in der Elektronik- und Elektrobranche soll gemäß Metals Focus in diesem Jahr netto 8,2 Prozent betragen. Dies entspricht einer Ausweitung des Bedarfs von 584 Millionen Unzen im bisherigen Rekordjahr 2022 auf 632 Millionen Unzen im Jahr 2023. Das wäre dann ein neues Allzeithoch.

Das Gesamtangebot, inkl. Minenproduktion, Recycling, De-Hedging und den Verkäufen staatlicher Institutionen beträgt in diesem Jahr voraussichtlich 1,003 Milliarden Unzen gegenüber 1,018 Mrd. Unzen im Vorjahr.

Damit steigt der Anteil der Industrieproduktion nicht nur in absoluten Zahlen, sondern auch relativ zum Gesamtangebot an: von 57,4 Prozent in 2022 auf 63,0 Prozent in diesem Jahr.

Im April 2023 war die Lobbyvereinigung „The Silver Institute“ in ihrem jährlich erscheinenden Report „World Silver Survey 2023“ (Seite 8) noch von einer Industrienachfrage in Höhe von lediglich 576,4 Mio. Unzen ausgegangen (letzte Spalte). Das Gesamtangebot wurde hingegen mit 1,025 Mrd. Unzen für 2023 überschätzt:

Silver Supply and Demand

Geopolitische Verwerfungen, Fachkräftemangel, Lieferengpässe und hohe Energiepreise haben die Silberproduktion gedämpft und spezielle Investitionsprogramme in den USA und China den Ausbau der Photovoltaikkapazitäten signifikant beschleunigt.

Silber-Angebot und -Nachfrage

Wie in dem kürzlich auf Gold.de erschienenen Beitrag von Jörg Bernhard „Silberinstitut prognostiziert anhaltende Angebotsdefizite“ zu lesen, hat Metals Focus seine Prognosen zur Industrienachfrage für 2023 zum Ende des dritten Quartals 2023 gegenüber Anfang April 2023 deutlich nach oben angepasst.

Gleichzeitig wurde die Industrienachfrage für 2022 nach oben revidiert, ebenso wie das weltweite Gesamtangebot an Silber aus dem Vorjahr.

Globales Angebot/Nachfrage in Mio. Unzen

Auch andere Segmente in der Industrie haben mit zu dieser positiven Revision beigetragen:

Durch steigende Investitionen in 5G-Mobilfunk-Netze und die zunehmende Elektrifizierung von Fahrzeugen sowie die steigende Nachfrage nach Ethylenoxid (EO)-Katalysatoren erhöhte sich laut Metals Focus der Bedarf nach Silber spürbar. In all diesen Bereichen werden die Fertigungskapazitäten aktuell stark ausgebaut, um der steigenden Silber-Nachfrage gerecht zu werden.

Auf der Angebotsseite wird erwartet, dass diese aufgrund eines Rückgangs der Minenproduktion um 2 Prozent auf ein Dreijahrestief sinken wird. Dieser Produktionsrückgang resultiert vor allem aus Entwicklungen in Mexiko, Peru und Argentinien.

In Mexiko wurde die Produktion durch die komplette Einstellung der Silberförderung bei Peñasquito im zweiten und dritten Quartal 2023 als Reaktion auf einen Arbeitsstreik verursacht.

Eine etwas höhere Produktion aus Silber-Minen in Bolivien und Chile wird den Rückgang bis zu einem gewissen Grad abmildern.

Warum steigt der Silberpreis nicht stark an?

Nun stellt sich die Frage, warum der Silberpreis in Anbetracht der steigenden Industrienachfrage nicht dynamisch mit ansteigt und im Gegensatz zu Gold in Euro kein neues Allzeithoch in diesem Jahr erreichen konnte?

Aktuell notiert der Preis des weißglänzenden Edelmetalls am Spot-Markt auf Jahresbasis mit 4,63 Prozent pro Feinunze (31,1g) im Plus:

Silberpreis in Euro pro Feinunze

Gold kann hingegen aktuell ca. 8,6 Prozent auf Jahresbasis zulegen und somit knapp vier Prozent mehr als Silber:

Silberpreis Goldpreis in Euro pro Feinunze

Zum einen ist die Gesamtnachfrage außerhalb der Industrie bei Silber rückläufig. Wohingegen die Goldnachfrage v. a. aus geopolitischen Gründen von Seiten der Zentral- und Notenbanken bis zum Ende des dritten Quartals 2023 auf ein neues Allzeithoch angestiegen ist:

Gold-Zentralbankkäufe bis Q3 '23

Dieser Posten, der bei Gold in diesem Jahr ca. ein Viertel der Gesamtnachfrage ausmachen wird, entfällt bei Silber gänzlich. Weder Zentral- und Notenbanken noch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ in Basel) oder der Internationale Währungsfonds (IWF) und auch nicht die Weltbank investieren ihre Währungsreserven nicht mehr in Silber bzw. haben dies noch nie getan. Silber ist gegenüber dem monetären Edelmetall Gold einfach zu billig und benötigt zu viel teuren hoch gesicherten Lagerraum.

Zudem kam es weltweit netto zu Abflüssen aus Silber ETPs (Exchange Traded Produkts; mit physischem Silber oder Silber-Derivaten hinterlegte börsengehandelte Finanzinstrumente):

ETP Holdings

Eine positive Entwicklung ist jedoch das deutliche Abschmelzen der Lagerbestände an der für Silber größten Warenterminbörse weltweit, der COMEX (Teil der Chicago Mercantile Exchange; CME Group) auf den tiefsten Stand seit Mai 2018 (Daten bis 7. November 2023, Quellen: CME Group, X-Account @mikesay98):

On Friday, Comex #silver vaults fell to a combined total of
267 million ounces, the Iowest level since May 2018.

Hier werden die anhaltenden Angebotsdefizite, kombiniert mit der deutlich steigenden Industrienachfrage sichtbar und weisen den Weg in Richtung Knappheit.

So, wie dies z. B. auch bei Silizium der Fall ist, das für Lithium-Ionen-Batterien in Elektrofahrzeugen zunehmend benötigt wird und wo die Produktionskapazitäten ebenfalls der Nachfrageentwicklung wie bei Silber hinterherhinken.

Autor: Hannes Zipfel
Ökonom
Ihre Meinung zum Thema?
Sicherheitsfrage: Wie viele Münzen sehen Sie?
Fragen über Fragen
Ich stimme zu, dass mein Kommentar und Name zur Veröffentlichung auf GOLD.DE gespeichert wird. Die Netiquette für Kommentare hab ich gelesen. Sie können Ihre Einwilligung jederzeit per Mail an info@gold.de widerrufen. Unsere Datenschutzerklärung.
von JoKi-68 | 27.02.2024, 17:46 Uhr Antworten

Die 263 Mio. Unzen Investmentnachfrage entsprechen gerade mal ca. 6 Milliarden Dollar. Das ist global nicht mal ein Pups. In nicht allzu ferner Zukunft wird das Vertrauen in alle Fiat-Währungen (inkl. Dollar, Euro, Yuan, etc...) derart sinken, dass es den Menschen egal sein wird, ob sie zur Sicherung ihres Vermögens Gold oder Silber kaufen - Hauptsache ein verfügbarer Sachwert. An diesem Punkt werden Randnotizen wie Fotofilme und Ausdrucke von Röntgenaufnahmen als rückläufige Posten auf der Nachfragseite zur Makulatur und der Silberpreisanstieg wird - wie schon mehrfach in der Vergangenheit - gewaltig sein.

von Thomas | 29.12.2023, 03:38 Uhr Antworten

Angeblich ist silber seit über 12 Jahren jedes Jahr zu knapp und vor 5 Jahren sollte es nach Aussagen mancher Anleger schon verbraucht sein. Ähnliche Grafiken gab es 2012 auch schon die das ganze untermauerten....Irgendjemand hat mir mal die Augen geöffnet und glaubhaft vermittelt dass das Silberangebot noch mindestens 200 Jahre hält.

von solider Anleger | 25.11.2023, 18:39 Uhr Antworten

Silber schon jetzt viel zu teuer im Vergleich zu Gold? Silber wird vielfach in der Industrie ersetzt und hat seit dem Wegfall des Rollfilms und Röntgenaufnahmen auf Film weiter verloren. Wetten auf Silber sind wie Wetten auf ein totes Pferd. Wer sich keine blutige Nase holen will, betrachte vergleichsweise den Chart von Au zu Ag. Wer noch gern Casino spielen möchte, setze bitte auf Minenwerte, deren Bilanz keiner genau kennt.

Copyright © 2009-2024 by GOLD.DE – Alle Rechte vorbehalten

Konzept, Gestaltung und Struktur sowie insbesondere alle Grafiken, Bilder und Texte dieser Webseite sind urheberrechtlich geschützt. Missbrauch wird ohne Vorwarnung abgemahnt. Alle angezeigten Preise in Euro inkl. MwSt. (mit Ausnahme von Anlagegold), zzgl. Versandkosten, sofern diese anfallen. Verfügbarkeit, Abholpreise, Goldankauf und nähere Informationen über einzelne Artikel sind direkt beim jeweiligen Händler zu erfragen. Alle Angaben ohne Gewähr.

Stand: 02:41:45 Uhr