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Stand: 12.08.2022 von Hannes Zipfel
Zwei ehemalige leitende Mitarbeiter der Großbank JPMorgan Chase wurden am Donnerstag wegen Manipulation des Gold-Marktes, Betrugs und sogenanntem „Spoofing“ verurteilt. Laut Staatsanwaltschaft war der Edelmetallhandel als kriminelles Geschäftsmodell konzipiert. Was bedeutet das Urteil für den Goldpreis?
Banker wegen Goldpreis-Manipulation verurteilt - die Hintergründe

Gewissheit statt Vermutungen

Die Diskussion um die Manipulation des Goldpreises ist nicht neu. Auch juristisch wird immer wieder wegen unplausibler Preisbewegungen bei dem gelben Edelmetall ermittelt.

Im März 2014 mussten sich zwei ehemalige Rohstoffhändler der Deutsche Bank zusammen mit Kollegen von vier weiteren Großbanken (HSBC, Société Générale, Barclays und die Bank of Nova Scotia) vor einem Gericht in Chicago im Zuge einer Sammelklage dem Vorwurf der Preismanipulation bei physischem Gold und Gold-Derivaten verantworten.

Initiiert und eingereicht wurde die Klage von dem in New York tätigen und mit der Materie bestens vertrauten Goldhändler Kevin Maher, der dem systematischen betrügerischen Handeln auf die Spur kam.

Im Jahr 2020 wurden zwei ehemalige frühere Edelmetall-Händler der Deutschen Bank wegen betrügerischer Geschäfte von der Jury eines Bundesgerichts in Chicago schuldig gesprochen und zu Haftstrafen verurteilt. Sie hatten mit fingierten Aufträgen für Gold- und Silber-Terminkontrakte andere Marktteilnehmer getäuscht und übervorteilt.

Am 25. September 2020 wurde der als federführend geltende Ex-Deutsch-Banker Cedric Chanu von einer Bundesjury in den USA zu 1 Jahr und einem Tag Gefängnis verurteilt. Gegen den Briten und ehemaligen Deutsche Bank-Händler James Vorley wurde im Sommer 2021 von einem Bundesgericht in Chicago eine Strafe in identischer Höhe verhängt.

In dem anschließenden zivilrechtlichen Verfahren wurde zudem eine Geldstrafe in Höhe von 150.000 US-Dollar gegen jeden Angeklagten sowie ein fünfjähriges Berufsverbot erwirkt. Die für den US-Terminmarkt zuständige Aufsichtsbehörde CFTC schloss sich dem Urteil an. (Quelle: Commodity Futures Trading Commission, CFTC).

Genau das gleiche kriminelle Vorgehen hat nun zur Verurteilung des ehemaligen Geschäftsführers des Edelmetallhandels von JP Morgan Chase, Michael Nowak und seinem Chef-Händler Gregg Smith geführt. Die Staatsanwaltschaft warf ihnen systematisches kriminelles Handeln vor

Die Jury folgte diesem Vorwurf der Organisierten Kriminalität aber nicht.

Dass es sich bei den Preismanipulationen um keine Lappalie handelte, macht das Plädoyer des zuständigen Staatsanwalts Avi Perry deutlich (Quelle: CNBC, Bloomberg):

„Sie hatten die Macht, den weltweiten Goldmarkt zu manipulieren“.

Die Bank JPMorgan Chase ist einer der größten Teilnehmer an den Warenterminmärkten für Gold und Silber in den USA und weltweit.

Die beiden verurteilten ehemaligen Händler der Bank müssen nach dem Urteilsspruch nun mit Zivilrechtsverfahren und hohen Schadensersatzklagen rechnen.

Das verbotene „Spoofing“

Beim Spoofing (im Deutschen: Parodieren bzw. so tun, als ob) platzieren ein oder mehrere Händler in betrügerischer Absicht Kauf- oder Verkaufs-Orders für Aktien, Anleihen, Devisen oder Rohstoffe, die er oder sie gar nicht auszuführen beabsichtigten. Dabei soll der falsche Anschein von Angebot und Nachfrage erweckt werden und andere Händler dazu bringen, zu Preisen, Mengen und Zeiten zu handeln, zu denen sie sonst nicht gehandelt hätten.

Im Falle der Goldpreismanipulation werden Händler u. a. in den Markt gelockt, da es offensichtlich sehr große Kauf-Orders und damit großes Nachfrage-Interesse über den aktuellen Kursen gibt.

Andersherum funktioniert das Spoofing ebenso.

Profihändler können im Gegensatz zu den meisten privaten Anleger Einblick in die „Tiefe“ des Orderbuchs der jeweiligen Börse nehmen und alle Kauf- und Verkaufs-Aufträge inklusive der Preis-Limite einsehen.

Sobald sich beim Spoofing die Kurse dem Preislimit des angeblichen Kaufinteresses nähern, zieht der Händler seine Kauforder in Bruchteilen von Sekunden zurück. Die Absicht dahinter ist, eine Verkaufswelle mit signifikant sinkenden Kursen auszulösen, da die Motivation der Käufer, die zuvor nur wegen der angeblich hohen Nachfrage Gold, Silber etc. orderten, wegfällt und diese Käufer ihre Positionen zum Teil panikartig wieder veräußern.

Andersherum können auch massive vermeintliche Verkaufsorders den Markt in Panik versetzen und eine Kaskade an Verkaufsaufträgen zum Beispiel durch Stop-Loss-Limite auslösen, mit denen Marktteilnehmer versuchen, sich vor größeren Verlusten durch das Unterschreiten vordefinierter Preisuntergrenzen zu schützen.

Auch diese Stop-Loss-Orders sind im Orderbuch sichtbar.

Zwar ist das Zurückziehen von Orders grundsätzlich gestattet, aber das mit betrügerischer Absicht vorgenommene Spoofing ist seit der Finanzkrise im Jahr 2009 in den USA verboten und wird straf- und zivilrechtlich verfolgt.

Dennoch gab und gibt es immer wieder Versuche, sich durch Spoofing zu bereichern und Preise zu manipulieren. Auch deshalb, weil die börsentäglich extrem hohe Anzahl und die enorme Schnelligkeit der meist automatisiert durchgeführten Transaktionen es trotz intelligenter Überwachungssoftware fast unmöglich macht, eine legitime Orderrücknahme von einer betrügerischen zu unterschieden.

Erst wenn das Spoofing systematisch und in klaren Mustern auftritt oder Insider den Betrug öffentlich machen, ist die Straftat juristisch verfolgbar.

Spoofing am konkreten Beispiel

Spoofing findet nicht nur bei Gold und Silber, sondern auch bei Platin, Palladium oder sogar an noch liquideren Märkten, wie dem Rohölmarkt statt.

Umso größer der Markt, umso mehr Kapitalkraft ist notwendig, um die Preise zu manipulieren, weshalb es kein Zufall ist, dass Großbanken regelmäßig in das verbotene Geschäftsgebaren bei Gold und Silber involviert sind. Am effektivsten funktioniert Spoofing in umsatzschwachen Handelszeiten, zum Beispiel im frühen europäischen Handel.

Wie man in der folgenden Grafik sieht, kann man Edelmetalle via „COMEX Metals“ nahezu rund um die Uhr handeln (Quelle: https://insider-week.com/de/boersenhandelszeiten-usa/):

Edelmetalle via „COMEX Metals“ nahezu rund um die Uhr handeln

Versetzen wir uns also kurz in die Lage eines Marktmanipulators, der Gold am Terminmarkt billig kaufen und mit einem risikolosen Gewinn wieder verkaufen oder den Preis einfach nur drücken und das Edelmetall als Anlage für andere Investoren unattraktiv erscheinen lassen möchte.

Aktuell liegt der Preis für eine Feinunze an der Terminbörse COMEX bei exemplarischen 1.785 US-Dollar pro Feinunze (31,1 Gramm).

Um zunächst günstig in den Markt zu kommen oder den Preis einfach nur zu senken, schaffen wir den Eindruck eines plötzlich stark steigenden Angebots zu niedrigen Preisen. Dadurch initiieren wir einen Kursrutsch. Um den falschen Eindruck beim Blick in das Orderbuch bei den anderen Marktteilnehmern zu erwecken, veröffentlichen wir drei große Verkaufsaufträge mit einem Preislimit, das wir mindestens erzielen möchten und das weit unter dem aktuellen Goldkurs liegt (1 Kontrakt entspricht jew. 100 Unzen Gold):

  1. 100 Kontrakte zu 1.762
  2. 85 Kontrakte zu 1.755
  3. 55 Kontrakte zu 1.748

Eigentlich wollen wir aber 20 Kontrakte billig kaufen, haben aber 240 Verkaufs-Kontrakte bzw. 24.000 Unzen Gold im Gegenwert von 42,15 Mio. US-Dollar als Verkaufsorders platziert – und zwar deutlich unter dem aktuellen Marktwert.

Damit führen wir andere Marktteilnehmer inkl. automatisierter Handelsalgorithmen in die Irre und suggerieren, dass plötzlich ein großer Angebotsüberhang auf dem Markt für Gold entstanden sei.

Im Ergebnis sackt der Goldpreis ruckartig ab, sobald unsere nicht ernst gemeinten Verkaufsaufträge auf den Handelsmonitoren der menschlichen und künstlichen Händler erscheinen.

Wir können nun entscheiden, ob wir eine Verkaufskaskade zulassen oder risikolos bei 1.765 US-Dollar pro Unze statt den vorherigen 1.785 US-Dollar pro Unze 20 Kontrakte ordern und die noch offenen Verkaufsaufträge in Bruchteilen von Sekunden annullieren.

Durch den Wegfall des Verkaufsdrucks im Orderbuch würde sich der Goldpreis schnell wieder in Richtung seines Ausgangsniveaus von 1.785 US-Dollar pro Unze erholen und wir hätten binnen weniger Sekunden nahezu risikolos 40.000 US-Dollar verdient.

Kein schlechter Ertrag in so kurzer Zeit – aber illegal.

Langfristig spielt die Manipulation keine Rolle

Nun könnte man sich als potenzieller Gold-Anleger angewidert von solchen kriminellen Methoden vom Goldmarkt abwenden. Und ja, es ist eine Binsenweisheit, dass man an der Börse nur unter zwei Voraussetzungen Geld verdienen kann:

  1. Man betrügt
  2. Man kennt die Zukunft

Abgesehen von Marktteilnehmern mit hoher krimineller Energie gibt es unzählige rechtschaffene Analysten, die tagtäglich mithilfe von Chartanalysen, fundamentalen Fakten, langfristigen ökonomischen Zyklen und kognitiven Erkenntnissen Entwicklungen an den Börsen prognostizieren, extrapolieren und antizipieren, um so an Preisentwicklungen zu partizipieren.

Im Falle von Gold gelang es auf Dauer nicht, die Anlage in das gelbe Edelmetall zu diskreditieren oder unattraktiv zu machen, weshalb man sich von kriminellen Machenschaften, wie sie überall an der Börse, auch bei Aktien vorkommen, nicht entmutigen lassen sollte.

Jedenfalls sprechen die Renditeergebnisse trotz aller Manipulationsversuche auch für eine Anlage in Gold:

Renditeergebnisse trotz aller Manipulationsversuche

Und im Falle einer ernsthaften systemischen Krise zählt ohnehin nur das harte glänzende Metall und nicht die um ein Vielfaches der Jahresgoldproduktion aufgeblasenen Rohstoffterminmärkte und ihre zum großen Teil ungedeckten digitalen Kontrakte.

Für einen systematischen Überblick über die Dimension der Manipulation am Goldmarkt bis zurück zu den Anfängen im Jahr 1993 empfiehlt sich die Lektüre des Buches „The Gold Cartel“ (Palgrave Macmillan) des Rohstoffexperten Dimitri Speck, das im Jahr 2010 auf Deutsch unter dem Titel „Geheime Goldpolitik“ im Finanzbuchverlag (FBV) erschien.

Autor: Hannes Zipfel
Ökonom
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von KnightRainer | 16.08.2022, 15:00 Antworten

Hmm, ich habe den Eindruck, dass das heutzutage ab 14.30Uhr exakt immer noch genauso läuft seit Monaten. Wasserfallartiger Absturz pünktlich zu der Uhrzeit (man kann fast eine Atom-Uhr danach stellen), und danach geht es wieder rauf.
Der Goldmarkt wird meiner unmassgeblichen Meinung nach immer noch DEFINITIV manipuliert. Bei den ganzen Eckdachten Inflation, negativer Realzins, Krieg in Europa müsste er längst über 3000USD stehen. Das würde er auch ohne diese Eingriffe.

von Martina Mizanoglui | 12.08.2022, 20:28 Antworten

Deutsche Bank das Allerletzte/erst haben sie mein Geld in den Sand gesetzt und mir dann ohne Grund meine Konten dichtgemacht.Auf meine Frage warum : das ginge mich nichts an,sie müssten mir keine Gründe nennen( in einem absolut unverschämten Ton!!

3 Antworten an Martina Mizanoglui anzeigen
von Spoofsponge | 13.08.2022, 19:43 Antworten

Ganz toll ausgeführter Artikel, aber funktioniert es wirklich so? Bei Verkauflimiten unter dem aktuellen Kurs sollten diese direkt ausgeführt werden, was dann doof wäre. Mag sein, dass es bei Profiprogrammen anders funktioniert. Dann könnte man dem Treiben, durch Softwareanpassung, jedoch einen Riegel vorschieben (auch zum Schutz vor falscher Verdächtigung).

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