Gold: 1.751,02 € -0,33 %
Silber: 19,94 € -1,85 %
Stand: 27.11.2021 von Hannes Zipfel
Anfang Oktober überwand der Preis für Platin noch mit Schwung den seit Mai bestehenden Abwärtstrend. Vom zyklischen Tiefpunkt aus verteuerte sich die Feinunze innerhalb von acht Wochen um bis zu 25 Prozent auf über 1.100 US-Dollar. Aktuell ist der Spot-Preis wieder unter die Marke von 1.000 US-Dollar gefallen. Was sind die Gründe für den plötzlichen Preiseinbruch und wie steht es um die Perspektiven?
Platin: Gründe für den Preisrückschlag

Dollar-Stärke, Zinssorgen oder Lockdown-Angst?

In meinem letzten Artikel „Goldpreis in Euro nahe Rekord – worauf es jetzt ankommt“ standen die Notierungen des Goldes in Euro im Mittelpunkt, was für Anleger aus Deutschland und der Eurozone zur Bewertung ihres Goldvermögens sowie im Zusammenhang mit dem Kontext des Beitrags auch Sinn machte.

Bei der Betrachtung charttechnischer Konstellationen, wie im Folgenden bei Platin, ist es gleichwohl angemessen, sich die Preisverläufe wieder in US-Dollar anzuschauen, da sich die überwiegende Mehrheit der technischen Analysten, Händler und Trading-Algorithmen weltweit an den Chartmarken in US-Dollar orientiert.

Genau bis an die charttechnisch wichtige gleitende 200-Tage-Durchschnittlinie (SMA 200) bei 1.109.76 US-Dollar pro Feinunze schaffte es der Platinpreis bis Mitte November. Die Bewegung nach dem Ausbruch aus dem abwärts gerichteten Korrekturtrend erfolgte mit ordentlichem Momentum.

Doch dann brachen die Kurse ab dem 16. November plötzlich nach unten weg. Der Aufwärtstrend wurde gen Süden verlassen und sogar der 50-Tage-Durchschnitt südwärts gekreuzt.

Platinpreis in US-Dollar

Erst nach einem Kursrutsch von in der Spitze 14 Prozent konnte sich der Preis wieder fangen und setzt aktuell zu einer Gegenbewegung an, zumal der Markt kurzfristig stark "überverkauft" ist, was durch die Oszillatoren RSI und Stochastik klar anzeigt wird.

Gewinnmitnahmen spielten sicher eine Rolle bei der Kehrtwende der Platinkurse ab Mitte November. Aber wodurch wurde die plötzliche Stimmungseintrübung initial verursacht?

Die naheliegendste Begründung für die Platinpreiskorrektur wäre, wie bei Gold und Silber, die aufkommende Zinsangst als Auslöser der Preiskorrektur, verursacht durch die Erwartung, dass die US-Notenbank im kommenden Jahr nicht nur die Anleihekäufe beendet, sondern auch gleich noch die Zinsen mind. zwei Mal anheben soll.

Das wäre für das zinslose Edelmetall Platin vordergründig nachteilig. Ein Vergleich zwischen der Entwicklung der US-Kapitalmarktrendite (rote Linie) und des Platinpreises zeigt aber, dass beide über viele Wochen hinweg parallel angestiegen waren.

Platinpreis vs Rendite 10j. US-Staatsanleihen

Außerdem fand die letzte Sitzung der US-Notenbank (Fed), bei der der Start des "Taperings" (Reduzierung der Geldflut) für November beschlossen wurde, bereits am 3. November statt. Der Platinpreis erreichte aber erst am 16. November mit 1.109,76 US$/Unze seinen zyklischen Höchststand.

Mit anderen Worten, der Platinpreis ließ sich bis vor Kurzem nicht von den Zinsen oder durch das Vorhaben der Fed das Gelddruckvolumen zu reduzieren leiten.

Auch ein Blick auf die Entwicklung des US-Dollars anhand des Dollar-Index (USDX) zeigt keine Korrelation, die für den jüngsten Preisabschwung bei Platin, das weltweit in US-Dollar gehandelt wird, als Ursache auszumachen ist. Auch hier ließ sich der Preis des weißgrauen Edelmetalls bis zum 16. November nicht von einem steigenden Dollar-Index irritieren.

Platinpreis in US-Dollar vs. Dollar-Index

Da Platin primär ein Industriemetall ist, dessen Nachfrage zuletzt stark unter der rückläufigen Automobilproduktion litt, könnte evtl. die neu aufflammende Corona-Pandemie für den Preisrückgang ursächlich sein.

Aber auch hier ist keine unmittelbare zeitliche Synchronität festzustellen.

Die Covid-19-Neuansteckungen steigen weltweit bereits seit Mitte Oktober wieder an, also seit knapp sechs Wochen. Auch das hatte den Anstieg des Platinpreises bislang nicht tangiert.

täglich weltweit gemeldete SARS-CoV2 Infektionen

Wobei sich die verstärkende Dynamik der vierten Corona-Welle durchaus zunehmend auf die spekulative und realwirtschaftliche Nachfrage bei Platin auswirken könnte. Platin wird zu ca. 37 Prozent von der Automobilindustrie, primär für abgasreinigende Katalysatoren und zu ca. 32 Prozent von anderen Industriezweigen nachgefragt.

Verteilung der Platinnachfrage nach Sektoren

Teil- und Total-Lockdowns schränken die Mobilität und damit den Bedarf an Automobilen ein. Neue Corona-Restriktionen könnten generell die Industrieaktivität und damit den Platin-Bedarf mindern. Den Nachfrage-Effekt in der Automobilindustrie sieht man sehr deutlich in den Verkäufen neuer PKW in Europa, wo die Nachfrage im Oktober 2021 (blauer Balken) im Vergleich zum bereits stark rückläufigen Vorjahresmonat (dunkelblauer Balken) nochmals eingebrochen ist.

Das hängt auch mit der Knappheit von Zulieferteilen, wie z. B. Mikrochips für die Fahrzeugindustrie zusammen.

Verkäufen neuer PKW in Europa

Da Platin schwerpunktmäßig in Katalysatoren für Dieselaggregate zum Einsatz kommt, lohnt ein zusätzlicher Blick auf die Situation beim Absatz neuer Nutzfahrzeuge. Und auch hier sind zuletzt deutliche Rückgänge in den verschiedenen Fahrzeugkategorien im Vergleich zu den ohnehin sehr schwachen Vorjahreswerten zu verzeichnen.

Absatz neuer Nutzfahrzeuge

Eine sehr enge Korrelation zwischen der Kurskorrektur bei Platin und anderen Preisen gibt es dennoch, wie die folgende Grafik zeigt, die den Platinpreis mit dem Goldpreis und Silberpreis vergleicht:

Platinpreis mit dem Goldpreis und Silberpreis verglichen

Obwohl die Nachfrage aus diversen Industriesektoren für Platin von enormer Bedeutung ist, scheint das Metall von den Anlegern und Spekulanten in Sippenhaft bezüglich Gold und Silber genommen zu werden. Solche Phasen kommen gelegentlich vor, sind aber aufgrund der stark differierenden Angebots- und Nachfragestrukturen bei den Edelmetallen selten von Dauer.

Umso wichtiger ist ein Blick auf die fundamentale Situation bei Platin.

Angebot und Nachfrage

Das World Platinum Investment Council veröffentlichte am Mittwoch dieser Woche seine neusten Projektionen für das Gesamtjahr zur Angebots- und Nachfrageentwicklung. Demnach erwarten die Analysten für 2021 ein Gesamtangebot, das im Jahresvergleich um 19 Prozent auf 8,114 Mio. Unzen ansteigen wird, was immer noch unter dem Niveau von 2019 mit 8,219 Mio. Unzen liegt. (Quelle: Platinum Quarterly Q3 2021).

Auf der anderen Seite wird mit einer um 5 Prozent rückläufigen Nachfrage gerechnet, die auch auf Ausflüsse aus Platin-ETFs (börsengehandelten Platinfonds) zurückzuführen ist.

Die Gesamtnachfrage nach Platin soll im Gesamtjahr 2021 hingegen um lediglich 3 Prozent zulegen.

Das Zusatzangebot an physischem Material aus Platin-ETFs wird wahrscheinlich in diesem Jahr das kumulierte Nachfragewachstum aus der Industrie, speziell der Automobil- und Schmuckbranche, überkompensieren.

Folglich wird sich der noch zu Jahresbeginn prognostizierte Angebotsüberschuss für 2021 von 190.000 Unzen auf 769.000 vervierfachen. Bis zum Jahr 2020 befand sich der Markt in einem signifikanten Angebotsdefizit (2020: -904.000 Unzen)

Die überirdischen Bestände (Above Ground Stocks) werden sich nach mehrjährigen Rückgängen in diesem Jahr durch den nun erreichten Angebotsüberschuss auf 3,419 Mio. Unzen erhöhen.

Dies entspricht ca. 47 Prozent der Gesamtjahresnachfrage.

Diese Entwicklungen dürften sich im Trend auch im Jahr 2022 fortsetzen und könnten den Platinpreis fundamental belasten. Wobei sehr viel von der Ausbreitung der Corona-Pandemie und der Knappheit von Zulieferteilen für die Automobilindustrie abhängt.

"Re-Opening Trade"

Neben der weiteren Entwicklung der Gold- und Silberpreise, an denen sich die Notierungen für Platin zumindest zuletzt stark orientierten, spielen zwei Faktoren eine zentrale Rolle für die zukünftigen Platinpreise:

  1. Die Erholung der Automobilproduktion, speziell bei Dieselaggregaten

  2. Die Nettoveränderungen der Platin-ETF-Bestände

Zur Einordnung: Im Jahr 2019 absorbieren die weltweiten Platin ETFs 990.000 Unzen Platin des insgesamt damals 8,2 Mio. Unzen umfassenden Gesamtjahresangebots, was einem Anteil von 12 Prozent entsprach.

Nach dem Automobilsektor, der sonstigen Industrie und der Schmuckbranche waren die Kapitalsammelstellen (ETF) vor Beginn der Pandemie im Jahr 2019 der viertgrößte Platinnachfrager.

Dies kann auch wieder so werden, sofern sich die Nachfrage nach Platin in der verarbeitenden Industrie erholt und die Preise dadurch erneut anziehen. Denn erfahrungsgemäß erfolgen die Käufe von ETF-Anteilen, die mit Platin gedeckt werden, prozyklisch bezogen auf steigende Notierungen.

Platin ist damit ein klassischer "Re-Opening Trade", profitiert also von er Normalisierung der wirtschaftlichen Lage durch ein unter Kontrolle bringen der globalen Corona-Pandemie.

Autor: Hannes Zipfel
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