Gold: 2.203,78 € -0,35 %
Silber: 26,46 € -0,75 %
Stand: 15.12.2022 von Hannes Zipfel
Die aus dem Handwerker-Jargon entlehnte Redewendung bedeutet, dass wenn man eine Schraube zu fest anzieht, sie abbricht. Bezogen auf die jüngsten Zinsanhebungen der EZB, der Bank of England und der US-Notenbank Fed bedeutet dies eine stark steigende Gefahr für einen Crash an den Finanzmärkten sowie eine tiefe Rezession.
Zinsschraube: Nach fest kommt ab

Die große "Sichere Hafen"-Illusion

In dieser Woche hoben gleich drei Notenbanken der G7-Staaten ihren Leitzinssatz um weitere 0,5 Prozentpunkte an:

  • die US-Notenbank Fed auf ein Zinsband von 4,25 - 4,5 Prozent (effektiv: 4,33 Prozent)
  • die Bank of England auf 3,5 Prozent
  • die EZB auf 2,5 Prozent

Die Höhe sowie die Aussichten bei der Zinsentwicklung sind für die Preisentwicklung der unverzinsten Edelmetalle Gold und Silber von großer Bedeutung, da sie mit den ebenfalls als "Sicherer Hafen" für liquides Kapital geltenden Staatsanleihen dieser Länder konkurrieren.

Obwohl der Schuldenstand vor allem in den USA und die desolate Wirtschaftslage in Großbritannien dies kaum noch rechtfertigen: Die Bank of England musste nach der Ankündigung auf Pump finanzierter großzügiger Steuergeschenke der mittlerweile zurückgetretenen Kurzzeit-Premierministerin Liz Truss Ende Oktober sogar ein Notfall-Anleihe-Kaufprogramm starten, da private Investoren sich weigerten, die abenteuerliche Schuldensause im Vereinigten Königreich zu finanzieren.

Erst ein rigides Sparprogramm ihres Nachfolgers in Nr. 10 Downing Street, Rishi Sunak, beruhigte den britischen Staatsanleihenmarkt. Die Sparmaßnahmen werden die britische Rezession aber verstärken, was auch die finanziellen Spielräume des Fiskus wiederum einschränkt.

Das sind keine guten Aussichten für britische Staatsanleihen.

Inflation frisst Schulden

Physische Edelmetalle können nicht bankrottgehen und haben auch kein Drittparteirisiko. Dahingegen ist die Vorstellung, britische, europäische oder US-Staatsanleihen seien sicher eine pure Illusion.

Die Rückzahlung wird zwar höchstwahrscheinlich erfolgen, aber zu großen Teilen schon heute aus der Notenpresse, was die Kaufkraft der jeweiligen Währungen mittelfristig zerstört.

In Fachkreisen nennt man das: Entschuldung durch Inflation.

Zu beobachten ist dieses Phänomen gerade im Euroraum, wo die Inflation sich im zweistelligen, der Leitzins sich aber im unteren einstelligen Bereich bewegen und Letzterer somit real stark negativ ist (aktuell -7,5 Prozent p. a.).

Die Inflation bläst das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nominal auf und verkleinert damit das Verhältnis zwischen Schulden zu BIP. Im Extremfall (Hyperinflation) sieht das in der Praxis dann so aus, dass die nominalen Staatsschulden auf den Preis eines Einfamilienhauses oder gar den eines Laib Brot zusammenschrumpfen.

Man könnte auch sagen, die Inflation frisst die Staatsschulden auf, was Staatsanleihen zwar nominal sicher erscheinen lässt, aber in realer Kaufkraft zu risikobehafteten Wertpapieren macht. Umso länger die Laufzeit dieser Anleihen ist, umso höher ist das Zins- und Tilgungsrisiko.

Allein seit dem Jahr 1900 gab es 135 Staatsbankrotte (Quelle: Das Investment, Nr. 02/11, Seite 8).

Gold- & Silberpreise durch Notenbanken kurzfristig unter Druck

Eine echte Alternative als "Sicherer Hafen" sind seit über 5.000 Jahren Gold und Silber. Doch die jüngsten Zinsanhebungen und Prognosen, v. a. der US-Notenbank Fed, haben den Edelmetallpreisen kurzfristig zugesetzt.

Die Fed will ihre Zinssteigerungen trotz Rekordverschuldung bis Ende 2023 auf ein Spitzenniveau (Terminal Rate) von 5,1 Prozent anheben.

Zu Beginn des Jahres lag diese Rate noch bei 0,9 Prozent und zuletzt bei 4,9 Prozent.

Das belastet aktuell den Goldpreis, der momentan am Spot-Markt wieder unter 1.800 US-Dollar pro Feinunze (31,1 g) zu haben ist. Zudem ist der Kurs des gelben Edelmetalls unter die charttechnisch wichtige gleitende 200-Tage-Durchschnittslinie (SMA 200) gefallen, die aktuell bei 1.788 US-Dollar verläuft.

Die nächste Unterstützungszone (grüner Balken) liegt bei dem letzten Tief des Rücksetzers Ende November, dem Zwischenhoch von Anfang Oktober sowie dem SMA 50 bei aktuell ca. 1.718 US-Dollar pro Unze. Darunter bietet die horizontale Unterstützungslinie (grün gestrichelt), bei knapp 1.679 US-Dollar Halt.

Goldpreis in US-Dollar Tageschart

In der Gemeinschaftswährung Euro betrachtet hat sich die Hoffnung, der Spot-Preis für Gold könne kurzfristig über den Abwärtstrend ausbrechen, nicht erfüllt.

Hier ist weiter Geduld gefragt. Doch es gibt viele gute Argumente, warum die Notierungen trotz weiterer Zinssteigerungen wieder anziehen können – so wie in der Vergangenheit auch.

Auf Jahressicht notiert der Goldpreis bei aktuell 1.669,50 Euro pro Feinunze nach wie vor mit 6,2 Prozent im Plus.

Im Bereich von ca. 1.640 bis 1.660 Euro pro Unze befindet sich zudem ein Bündel aus horizontalen Unterstützungen, resultierend aus zyklischen Hoch- und Tiefstkursen dieses Jahres.

Goldpreis in US-Dollar 1. Jahr

Ebenfalls ein Plus auf Jahresbasis kann nach wie vor der Silberpreise in Euro mit sogar 11,2 Prozent vorweisen, obwohl die Notierungen am Spot-Markt im Zuge der jüngsten Zinserhöhungen und Verlautbarungen der drei o. g. großen Notenbanken Federn lassen musste

Der Aufwärtstrend seit September dieses Jahres ist dennoch intakt und die Saisonalität bis weit in den Februar 2023 hinein Positiv.

Silberpreis in US-Dollar 12 onate

Das Gleiche gilt für den Silberpreis in US-Dollar – auch hier ist der Aufwärtstrend intakt und die Kurse notieren, anders als bei Gold, sogar über den 50er und 200er gleitenden Durchschnittslinien.

Silberpreis in US-Dollar Tageschart

Jahresendrallye noch nicht abgesagt

Abgesehen von der momentanen Korrekturbewegung und den steigenden Zinsen ist die Jahresendrallye noch nicht zwingend unter dem winterlichen Schnee begraben: Gerade die US Fed droht die Zinsschraube erneut bis zum Bruch zu überdrehen.

Denn die Geldpolitik, also die Zinsanhebungen und das Absaugen von Liquidität aus den Märkten (95 Mrd. US-Dollar pro Monat) schlägt erst mit Zeitverzögerung voll auf die Wirtschaft durch.

Zudem sind die USA mit aktuell 93,6 Billionen US-Dollar verschuldet (Quelle: Federal Reserve, Stand: 15.12.22).

US-Zinsen auf dem Niveau von 2008

Bereits jetzt liegen die Leitzinsen auf dem Niveau des Jahres 2008, dem Beginn der Weltfinanzkrise. Damals betrug die Gesamtverschuldung gleichwohl "nur" 54 Billionen US-Dollar und nicht knapp 94 Billionen US-Dollar.

Seit dem 4. Quartal 1948 folgte zudem auf jeden Zinserhöhungszyklus eine Rezession in den USA (insgesamt zwölf inkl. Weltfinanzkrise und Corona-Krise, Quelle: Fed of St. Louis).

Doch dieses Mal ist die Mischung aus Überschuldung, Deglobalisierung, China-Covid-Krise, erhöhter Inflation und geopolitischer Spannungen (Thema Sanktionen) so toxisch wie selten seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

Für das kommende Jahr rechnet die Fed laut jüngstem Statement noch mit einem Wirtschaftswachstum von 0,5 Prozent. Ob diese Expansionsrate erreichbar ist, darf jedoch stark bezweifelt werden. Normalerweise wird diese Prognose in Abschwungphasen über das Jahr hinweg massiv nach unten revidiert.

USA Leitzins vs. Gesamtverschuldung

Stagflationsszenario spricht für Edelmetalle

Dass uns eine solche Abschwungphase erneut bevorsteht, zeigen drei exemplarische Grafiken.

Jerome Powell begründete die Fortsetzung der restriktiven Geldpolitik auf der Pressekonferenz vor allem mit dem angebliche robusten und „engen“ Arbeitsmarkt. Dem widerspricht klar die Haushaltsumfrage aus dem November, gemäß der über 300.000 Arbeitsplätze verloren gingen (anders, als in den offiziellen Zahlen, nach denen 263.000 neue Stellen geschaffen wurden).

Die staatlichen Zahlen basieren auf einer monatlichen Arbeitgeberumfrage, bei der im November allerdings nur knapp 49 Prozent aller an der Umfrage teilnehmenden Unternehmen antworteten und damit so wenige wie nie zuvor.

Der Rest war statistische Hochrechnung.

Die Haushaltsumfrage korrespondiert hingegen mit der seit Mai dieses Jahres wieder ansteigenden Zahl fortlaufender Arbeitslosenanträge und zeigt ein andres Bild des US-Arbeitsmarktes.

USA: Fortgesetzte Arbeitslosenanträge

Abgesehen davon, dass die Reallöhne (Nettolohnsteigerungen abzüglich Inflationsrate) in diesem Jahr bis Ultimo drittes Quartal in den USA mit 2,2 Prozent im Minus lagen, und somit den Arbeitnehmern weniger Kaufkraft zur Verfügung steht (Quelle: Statista).

Bei der Zahl der offenen Stellen in den USA bildet sich ein deutlicher Abwärtstrend heraus:

USA: Anzahl der offenen Stellenangebote

Zudem dürften die Margen und damit die Gewinne vieler Unternehmen im kommenden Jahr unter der schwindenden Kaufkraft und den höheren Herstellungskosten leiden.

Über das Ausmaß der sich abzeichnenden Katastrophe am US-Immobilienmarkt kann man nur spekulieren. Als Anhaltspunkt dient hier lediglich die letzte Krise ab 2008.

Damals war die Immobilienblase aber weit weniger aufgepumpt als heute.

Das Szenario einer Stagflation nimmt mit der zeitverzögerten Wirkung der restriktiven US-Geldpolitik immer weiter zu und wird wie so oft die Fed in die Knie zwingen.

Der Rentenmarkt glaubt jedenfalls die Märchen der Fed nicht.

Anders ist es nicht zu erklären, dass die Zinsen für 30-jährige Staatsanleihen unter dem aktuellen effektiven Leitzins liegen. Die Anleihehändler rechnen mit einer baldigen tiefen Rezession und massiven Zinssenkungen.

USA Zinsstruktur-Vergleich

Die Mischung aus anhaltender Inflation, wirtschaftlicher Schwäche und enormen Risiken an den aufgeblähten Finanzmärkten stellen ein Umfeld dar, in dem Edelmetallpreise als „Sicherer Hafen“ trotz erhöhtem Zinsniveau prosperieren können – auch das lehrt die Börsengeschichte.

Autor: Hannes Zipfel
Ökonom
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von Klecks | 19.12.2022, 17:23 Uhr Antworten

Ach lieber Herr Zipfel,

Ich finde es ja bewundernswert, wie sie immer aufs neue auf den Wall klettern und die Fahne schwenken mit Ihren (teilweise schon trotzig anmutenden) Durchhalteparolen: "Die Ralley ist noch nicht abgesagt", "Das spricht für Gold" usw. usf. Jetzt MUSS der Kurs aber mal nach oben Ausbrechen! Jetzt aber!! Spätestens nächste Woche, aber dann wirklich! Dann machen wir den fetten Reibach! Echt, ich schwör!
Mal ganz unter uns: Wir wissen doch beide, dass der Kurs am Papiermarkt gemacht wird. Und der Ist -bei einem Kontraktvolumen, das die gesamte weltweite Goldmenge um das 200-fache übersteigt. alles andere als ein sicherer Hafen. Die Akteure wissen auch, dass sie mit Luft handeln.Und genau deshalb wird weiter so getan als wäre die Welt in Ordnung. Und genau deshalb wird der Kurs nicht groß ausbrechen, jedenfalls nicht so schnell.
Wir sollten auch froh sein, dass es so ist. Das gibt uns Gelegenheit, noch etwas physische Ware zur Seite zu legen. Denn wenn es so weit ist, wenn der Goldpreis durch die Decke geht, bauchen wir über Gewinne nicht reden. Dann können wir froh sein, wenn wir nur etwas weniger verlieren als andere.

von solider Anleger | 19.12.2022, 12:33 Uhr Antworten

Die "Bodenbildung" bei Gold wächst mit jedem Tag. An dem Tag wo Russland und China keine ungedeckten Papiergelder als $ bzw. € akzeptieren, sondern auf echte Verrechnungseinheiten fordern, werden sämtliche Nahrungsmittel und Rohstoffe im Preis nach oben schiessen. Der Staat wird sich seine Kohle bei nicht mobilen Anlagen zurückholen und nicht umsonst wurde gerade der Wohnraum statistisch erfasst und die Grundsteuerermittlung (als Steuermesszahl) läuft gerade.

von Schmitt | 16.12.2022, 18:30 Uhr Antworten

Die Börse ist sehr emotional aber die "Profis" sollte eigentlich wissen das die Börsen in den nächsten Monaten nach unten tedieren werden und Gold der sichere Hafen sein wird. Ich meine echtes Gold. Es wird mehr Gold angeboten als tatsächlich existiert, das alleine ist schon an Dreistigkeit nicht zu überbieten. Bleibt weg von Immobilien!!!! Setzt bei Lebensversicherer auf short. Ich verrate nichts mehr.

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